{"id":310208,"date":"2021-09-29T13:00:00","date_gmt":"2021-09-29T11:00:00","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=310208"},"modified":"2021-09-29T13:00:00","modified_gmt":"2021-09-29T11:00:00","slug":"intensive-viehhaltung-ueberfordert-die-agrar-oekosysteme","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/intensive-viehhaltung-ueberfordert-die-agrar-oekosysteme\/","title":{"rendered":"Intensive Viehhaltung \u00fcberfordert die Agrar-\u00d6kosysteme"},"content":{"rendered":"\n<p>Forscher am<em> <\/em><a href=\"https:\/\/boku.ac.at\/wiso\/sec\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie<\/em> <\/a>an der <em><a href=\"https:\/\/boku.ac.at\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">BOKU Wien<\/a> <\/em>haben die Nutzungsintensit\u00e4t der Agrar-\u00d6kosysteme in den EU-Regionen quantifiziert und auf einer Karte abgebildet. Dazu nutzten sie HANPP (human appropriation of net primary production), ein Ma\u00df f\u00fcr die <em>gesellschaftliche Aneignung von Nettoprim\u00e4rproduktion<\/em>. Die <em>Nettoprim\u00e4rproduktion<\/em> repr\u00e4sentiert die gesamte Biomasse, die von Pflanzen durch die Photosynthese gewonnen wird. In der Studie wurde die agrarische Lebensmittelproduktion in den Kategorien <em>Viehhaltung<\/em> und <em>Acker- und Gr\u00fcnland<\/em> betrachtet.<\/p>\n\n\n\n<p>In die Kategorie <em>Acker- und Gr\u00fcnland<\/em> f\u00e4llt zum Beispiel Getreide, von dem nur das Korn als prim\u00e4res landwirtschaftliches Gut zur Lebensmittelproduktion verwendet werden. Gemeinsam mit dem Stroh, das in der Tierhaltung verwendet wird und den nicht gen\u00fctzten Teilen der Pflanze wie zum Beispiel die Wurzeln, ergibt sich die gesamte Nettoprim\u00e4rproduktion dieser Pflanze.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant<\/strong>: <a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/start-up-of-the-day-rebel-meat-will-den-fleischkonsum-nachhaltig-reduzieren\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Start-up of the Day: Rebel Meat will den Fleischkonsum nachhaltig reduzieren<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>In der Kategorie <em>Viehhaltung<\/em> dr\u00fcckt der Indikator den Futterbedarf von Nutztieren aus. \u201eTiere brauchen mehr Nahrung als sie in der Form von Lebensmitteln zur Verf\u00fcgung stellen \u2013 unter anderem zur Erhaltung ihres eigenen Stoffwechsels. Auch wird heute nicht mehr das gesamte Tier verwertet. Teile wie Innereien, Knochen, Haut und Fell werden nur teilweise verwendet\u201c, so Projektmitarbeiter Andreas Mayer.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Hocheffizientes Acker- und Gr\u00fcnland<\/h3>\n\n\n\n<p>Mittels HANPP k\u00f6nnen die Forscher die landnutzungsbedingten Ver\u00e4nderungen im Agrar-\u00d6kosystem in Relation zur Tragf\u00e4higkeit der Agrar-\u00d6kosysteme stellen. Ihre<\/p>\n\n\n\n<p>Berechnungen zeigten, dass die europ\u00e4ischen Acker- und Gr\u00fcnfl\u00e4chen in der Bereitstellung von Biomasse hocheffizient sind. F\u00fcr die Ernte von einem Kilogramm Ackerfr\u00fcchte und Gr\u00fcnfutter wird durchschnittlich rund die 1,6-fache Menge an Nettoprim\u00e4rbiomasse aus Agrar-\u00d6kosystemen angeeignet: Das bedeutet, rund 1.680 Megatonnen (Mt) HANPP f\u00fcr rund 1.020 Mt Biomasse aus dem Acker- und Gr\u00fcnland.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zu intensive Viehhaltung<\/h3>\n\n\n\n<p>F\u00fcr die Herstellung von tierischen Produkten wie Milch oder Fleisch ist dieses Verh\u00e4ltnis allerdings wesentlich h\u00f6her: Hier werden 1.750 Mt HANPP virtuelle Fl\u00fcsse in der Form von 44 Mt tierischen Lebensmitteln gesellschaftlich angeeignet, also durchschnittlich die 40-fache Menge.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Gr\u00f6\u00dfe der Nutztierproduktion in der EU, etwa im Vergleich zur Produktion von pflanzlichen Lebensmitteln, \u00fcberraschte dann selbst die Forscher. &#8220;In rund einem Drittel der EU-Regionen \u00fcbersteigt der Umweltdruck des Viehsektors und besonders die ben\u00f6tigte Futtermenge, sogar die potentielle Produktionskapazit\u00e4t der lokalen Agrar\u00f6kosysteme\u201c, so Mayer. Betroffen sind vor allem die Beneluxl\u00e4nder, Westfrankreich, Norditalien und Regionen in Polen.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In rund einem Drittel der EU-Regionen \u00fcbersteigt der Umweltdruck des Viehsektors und besonders die ben\u00f6tigte Futtermenge, sogar die potentielle Produktionskapazit\u00e4t der lokalen Agrar\u00f6kosysteme.<\/p><cite>Dr. Andreas Mayer, Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie an der BOKU Wien<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Grundlage f\u00fcr diese Berechnung war die Menge der potenziellen Nettoprim\u00e4rbiomasse auf den aktuellen Agrarfl\u00e4chen. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re die Biomasse eines Waldes, der einem Weizenfeld weichen musste. Dieses Ma\u00df wird in Relation zur Biomasse gesetzt, die f\u00fcr die Nutztiere einer Region gebraucht wird. Eine Relation, die heute aus dem Lot geraten ist, erm\u00f6glicht durch den hohen Anteil von Futter aus anderen L\u00e4ndern oder Weltregionen. Nur dadurch konnten Regionen eine \u00e4u\u00dferst intensive Nutztierhaltung etablieren.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Kombination von zwei Strategien<\/h3>\n\n\n\n<p>Diese intensive landwirtschaftliche Produktion von Lebens- und Futtermitteln wirkt sich auf die Funktion von Agrar-\u00d6kosystemen aus. Regulierende Funktionen wie zum Beispiel die langfristige Sicherung von fruchtbaren B\u00f6den werden durch die intensive Landwirtschaft beeintr\u00e4chtigt. Die Forscher sehen zwei wichtige Strategien f\u00fcr den \u00dcbergang zu einer nachhaltigen Produktion von Milch, Eiern und Fleisch:<\/p>\n\n\n\n<ul class=\"wp-block-list\"><li>eine st\u00e4rkere Orientierung der Produktion an den regionalen Futterpotenzialen;<\/li><li>Reduktion der Massenproduktion von tierischen Lebensmitteln;&nbsp;<\/li><li>Die Reduktion der industriellen Massenproduktion von tierischen Lebensmitteln;<\/li><\/ul>\n\n\n\n<p>w\u00fcrde sich nicht nur positiv auf Umwelt und regulierende \u00d6koleistungen auswirken, sondern auch auf die Gesundheit der B\u00fcrger. Der pro Kopf-Verbrauch von tierischen Produkten in der EU ist zu hoch.<\/p>\n\n\n\n<p>Regionale Futterpotenziale w\u00e4ren zum Beispiel in der Schweine- und H\u00fchnerproduktion verf\u00fcgbares Ackerland und in der Rinderzucht verf\u00fcgbares Gr\u00fcnland. Ein Szenario, das die Forscher \u00fcbrigens schon im vorangegangenen EU-Projekt Uniseco aufgezeigt haben.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Umverteilung der Viehhaltung<\/h3>\n\n\n\n<p>In Szenarien, die in <a href=\"https:\/\/uniseco-project.eu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Uniseco<\/a> modelliert wurden, zeigte sich, dass die Produktion in Regionen mit einem Ungleichgewicht zwischen Futterpotenzialen und Nutztieren \u2013 und dabei vor allem von Wiederk\u00e4uern &#8211; zur\u00fcckgehen w\u00fcrde. Betroffen sind etwa Holland, Belgien, Teile Deutschlands, Westfrankreich und Norditalien. Bei gleichbleibenden Produktionsvolumina w\u00fcrde die Produktion in alpinen Regionen sowie in Teilen von Spanien und Polen steigen. Diese Intensivierung h\u00e4tte nat\u00fcrlich Auswirkungen auf die Gr\u00fcnlandsysteme und Nutztierdichte in den Regionen mit aktuell geringen Bestockungsdichten und w\u00e4re mit betr\u00e4chtlichen Ver\u00e4nderungen verbunden. Diese m\u00fcssten selbstverst\u00e4ndlich durch die gemeinsame Agrarpolitik der Europ\u00e4ischen Region abgefedert werden, so Mayer.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Extensive Landwirtschaft<\/h3>\n\n\n\n<p>In Holland gebe es ohnehin bereits Pl\u00e4ne, den Bestand an Nutztieren zu reduzieren. Dort arbeite die Regierung schon daran, H\u00f6fe aufzukaufen. Ein Ansatz, den der Forscher guthei\u00dft, weil die europ\u00e4ische Nutztierindustrie einfach zu gro\u00df sei. Dabei sollten aber auch die kleineren und mittleren Betriebe ber\u00fccksichtigt werden. Mayer: \u201eIn diesem Prozess ist es wichtig, den Trend zur Aufgabe von kleineren H\u00f6fen nicht noch weiter zu befeuern, sondern auch eine <em>Extensivierung der Landwirtschaft<\/em> herbeizuf\u00fchren. Dies w\u00e4re auch hinsichtlich des Tierwohls zu begr\u00fc\u00dfen.\u201c<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>In diesem Prozess ist es wichtig, den Trend zur Aufgabe von kleineren H\u00f6fen nicht noch weiter zu befeuern, sondern auch eine <em>Extensivierung der Landwirtschaft<\/em> herbeizuf\u00fchren. Dies w\u00e4re auch hinsichtlich des Tierwohls zu begr\u00fc\u00dfen.<\/p><cite>Dr. Andreas Mayer, Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie an der BOKU Wien<\/cite><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Unter extensiver Landwirtschaft versteht man ein Produktionssystem, das im Verh\u00e4ltnis zur bewirtschafteten Landfl\u00e4che einen geringen Einsatz von Arbeitskr\u00e4ften, D\u00fcngemitteln und Kapital verwendet. Ein Beispiel daf\u00fcr w\u00e4re etwa das <em>Agroforstsystem<\/em>, bei dem B\u00e4ume und Str\u00e4ucher mit Ackerkulturen wie Mais, Bohnen oder auch Ananas auf landwirtschaftlichen Fl\u00e4chen kombiniert werden. Neben einer Reihe von \u00f6kologischen Vorteilen soll das Agroforstsystem auch die Ertragsstabilit\u00e4t steigern.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Zielkonflikte vermeiden<\/h3>\n\n\n\n<p>Die \u00dcbernutzung von Agrar-\u00d6kosystemen ist aber nur ein Thema im \u00dcbergang zu einer umweltfreundlichen Viehhaltung. Ginge es hingegen ausschlie\u00dflich um die Emissionen bei gleich gro\u00dfer Menge an Nutztierhaltung, dann w\u00fcrde man die Tiere im Stall halten, sie energie- und proteinreich f\u00fcttern und ihre Ausscheidungen \u00fcber eine Biogasanlage entsorgen. Zitat: \u201eDas zeigt das ganze Dilemma, aber auch die Notwendigkeit einer umfassenden Perspektive auf das Thema Nutztiere und Emissionen. Das Streben nach maximaler Effizienz erh\u00f6ht die Anf\u00e4lligkeit in Krisen. Es braucht eine Abkehr. Um Zielkonflikte zwischen Emissionsreduktion, Biodiversit\u00e4tsauswirkungen, Tierwohl und Einkommen zu vermeiden, muss man immer das gesamte System beziehungsweise die Zusammenh\u00e4nge im Auge behalten. Der wichtigste Hebel f\u00fcr die Reduktion der Umweltauswirkungen der Nutztierhaltung ist eine verringerte Produktion. Das w\u00fcrde ein Zur\u00fcckschrauben der Exportproduktion bedingen, aber auch die Verpflichtung der B\u00fcrger, den im Durchschnitt zu hohen Konsum von tierischen Lebensmittel zu reduzieren. Alle Interessengruppen sind in den Diskurs einzubeziehen, um gute und f\u00fcr alle akzeptable L\u00f6sungen zu finden.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant: <\/strong><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/nachhaltige-verbesserung-der-klauengesundheit-von-kuehen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Nachhaltige Verbesserung der Klauengesundheit von K\u00fchen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Studie:<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die <a href=\"https:\/\/doi.org\/10.1016\/j.ecoser.2021.101344\">Studie<\/a> &#8220;Applying the Human Appropriation of Net Primary Production framework to map provisioning ecosystem services and their relation to ecosystem functioning across the European Union&#8221; ist im Journal Ecosystem Services ver\u00f6ffentlicht. Mayer, A., Kaufmann, L., Kalt, G., Matej, S., Theurl, M.C., Morais, T.G., Leip, A., Erb, K.-H., 2021. Applying the Human Appropriation of Net Primary Production framework to map provisioning ecosystem services and their relation to ecosystem functioning across the European Union. Ecosystem Services 51, 101344. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Forscher am Institut f\u00fcr Soziale \u00d6kologie an der BOKU Wien haben die Nutzungsintensit\u00e4t der Agrar-\u00d6kosysteme in den EU-Regionen quantifiziert und auf einer Karte abgebildet. Dazu nutzten sie HANPP (human appropriation of net primary production), ein Ma\u00df f\u00fcr die gesellschaftliche Aneignung von Nettoprim\u00e4rproduktion. 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