{"id":255537,"date":"2020-11-09T17:00:17","date_gmt":"2020-11-09T16:00:17","guid":{"rendered":"http:\/\/innovationorigins.com\/?p=255537"},"modified":"2020-11-09T17:00:17","modified_gmt":"2020-11-09T16:00:17","slug":"superblocks-sollen-stadte-wieder-lebenswert-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/superblocks-sollen-stadte-wieder-lebenswert-machen\/","title":{"rendered":"Superblocks sollen St\u00e4dte wieder lebenswert machen"},"content":{"rendered":"\n<p><a href=\"https:\/\/www.wien.gv.at\/spezial\/festschrift-stadtentwicklung\/chapter_04\/von-superblocks-und-anderen-autofreien-traumen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Zwei Drittel der Fl\u00e4chen in Wien sind Autos gewidmet, die 98 Prozent ihrer Zeit auf Parkpl\u00e4tzen stehen<\/a>. Um den \u00f6ffentlichen Raum zur\u00fcckzugewinnen, will die 1,9 Millionen Einwohner Stadt den Anteil des motorisierten Individualverkehrs reduzieren: von derzeit 29 auf 20 Prozent. Als m\u00f6gliche Ma\u00dfnahme gelten Superblocks, die erstmals in Barcelona entwickelt und umgesetzt wurden.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei Superblocks werden mehrere H\u00e4userblocks zu einer gro\u00dfen Begegnungszone zusammengefasst. Der Autoverkehr wird in Hauptverkehrsadern am Rand des Blocks entlanggef\u00fchrt. Durch diese Verkehrsberuhigung soll das Leben in St\u00e4dten wieder lebenswert werden. Gleichzeitig will man damit dem Klimawandel entgegen wirken, indem man CO2-Emissionen reduziert und die wegfallenden Parkpl\u00e4tze in Gr\u00fcnfl\u00e4che umwidmet. Asphalt heizt sich im Sommer bei Sonneneinstrahlung auf bis zu 60 Grad auf. Mit Gr\u00fcnfl\u00e4chen kann man diesen <em><a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/bau-i-1-bau-i-2-das-indikatoren#bau-i-1-warmebelastung-in-stadten\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">W\u00e4rmeinseleffekten<\/a><\/em> entgegenwirken.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Superblock-Verkehrsorganisation-c-SUPERBE-Team_Lorenz-consult-1004x485.jpg\" alt=\"Superblocks, Superbe, AIT\" class=\"wp-image-255543\"\/><figcaption>(c) Superbe-Team Lorenz Consult<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Ein F\u00fcnfjahres-Projekt in Gent belegt die positiven Effekte von Superblocks: Die Zahl der Radfahrer stieg um ein Viertel und die Zahl der Nutzer des \u00f6ffentlichen Verkehrs um neun Prozent. Im Gegenzug ging der Autoverkehr um zw\u00f6lf Prozent zur\u00fcck. Dadurch kam es zu weniger Stau und Verkehrsunf\u00e4llen und die \u00f6ffentlichen Verkehrsmittel konnten ihren Fahrplan m\u00fchelos einhalten.<\/p>\n\n\n\n<p>Superblocks in Barcelona zeigten allerdings auch unerwartete Nebeneffekte. <a href=\"https:\/\/enorm-magazin.de\/gesellschaft\/urbanisierung\/superblocks-von-barcelona\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Es kam zu einer Gentrifizierung<\/a>, die zu einer Erh\u00f6hung der Mietpreise f\u00fchrte: Erst kamen die Touristen, dann teure Boutiquen und dann die Immobilienmakler. Au\u00dferdem zeigte sich, dass Superblocks nicht immer die Erwartungen der Bev\u00f6lkerung treffen. \u00a0\u00a0<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/Superblock-Konzept-c-SUPERBE-Team_TU-Wien-1004x483.jpg\" alt=\"Superblocks, AIT, Superbe\" class=\"wp-image-255541\"\/><figcaption>(c) Superbe-Team TU-Wien<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<p>Die <em>TU Wien<\/em> untersuchte gemeinsam mit dem <a href=\"https:\/\/www.ait.ac.at\/ueber-das-ait\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\"><em>AIT Austrian Institute of Technology<\/em> <\/a>und dem <em>Urban Consultant<\/em> <a href=\"http:\/\/florianlorenz.com\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Florian Lorenz<\/a>, inwiefern Superblocks in Wien sinnvoll sein k\u00f6nnten. In dem Sondierungsprojekt wurden die verkehrlichen Auswirkungen mit automatisierten r\u00e4umlichen Analyseverfahren quantifiziert. Im Interview mit <em>Innovation Origins<\/em> spricht <a href=\"https:\/\/www.ait.ac.at\/themen\/integrated-mobility-systems\/integrierte-modellierung-von-mobilitaetssystemen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Dr. Stefan Seer<\/a>, <em>Thematic<\/em> <em>Coordinator Integrated Mobility Systems<\/em> am <em>AIT<\/em>, \u00fcber das Forschungsprojekt und den Umgang mit m\u00f6glichen negativen Effekten:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie ist Ihre Forschungsgruppe an das Sondierungsprojekt herangegangen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Es sind zwei Aspekte, die f\u00fcr die Umsetzung von Superblocks relevant sind. Der eine ist die Auswahl von m\u00f6glichen Kandidaten und der andere ist die Gestaltung und Modellierung der verkehrlichen Auswirkungen durch den Superblock. F\u00fcr die Auswahl von Kandidaten gibt es verschiedene Voraussetzungen. Zum Beispiel darf das \u00f6ffentliche Verkehrsnetz nicht beeintr\u00e4chtigt werden. Das hei\u00dft, Gebiete, die von Stra\u00dfenbahnen und Bussen gequert werden, scheiden aus.<\/p>\n\n\n\n<p>In der Gestaltung achten wir auf die verkehrlichen Auswirkung von Superblocks und versuchen die Attraktivit\u00e4t f\u00fcr den motorisierten Individualverkehr zu verringern. In Wien erreichen wir das mit <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Diagonalsperre\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Diagonalsperren<\/a> an Kreuzungen. Wenn man Kreuzungen in Superblocks mit dem Auto nicht diagonal queren kann, verl\u00e4ngern sich die Wege um gesch\u00e4tzt f\u00fcnf Minuten. Das kann schon zu einer \u00c4nderung der Verkehrsmittelwahl f\u00fchren \u2013 vor allem bei k\u00fcrzeren Wegen, die sehr gut zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad zur\u00fcckgelegt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong> <a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/textilfassade-filtert-schadstoffe-aus-der-luft\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Textilfassade filtert Schadstoffe aus der Luft<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Mit unserer Modellierung konnten wir diesen Effekt beziffern: der Anteil an Autofahrten nimmt &#8211; gemessen am <em>Modal Split<\/em> &#8211; um drei bis neun Prozent ab. <em>Modal Split<\/em> bezeichnet die Verkehrsverteilung auf die einzelnen Verkehrsmodi. Zum Beispiel bewegen sich im Bezirk <em>Wien Neubau<\/em> 31 Prozent der Personen zu Fu\u00df, f\u00fcnf Prozent mit dem Fahrrad, f\u00fcnf Prozent mit dem Auto und 59 Prozent mit \u00f6ffentlichen Verkehrsmitteln. Im Superblock verlagert sich diese Verteilung. Drei Prozent der Autofahrer steigen auf die \u00f6ffentlichen Verkehrsbetriebe um. Dadurch verringert sich der Anteil des Autoverkehrs auf zwei Prozent und der Anteil des \u00f6ffentlichen Verkehrs steigt auf 62 Prozent.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Sie sprechen bei Superblocks von <em>fu\u00dfl\u00e4ufig erschlie\u00dfbar<\/em>. Welcher Gr\u00f6\u00dfe entspricht das \u2013 und unter welchen Voraussetzungen kann ein Ort zum Superblock werden?<\/h3>\n\n\n\n<p>Superblocks messen zwischen vier und 16 Hektar; ausgehend von einem Quadrat, sind das Kantenl\u00e4ngen von 200 bis 400 Metern. Voraussetzungen sind eine gewisse bauliche Kompaktheit und ein grunds\u00e4tzlicher Bedarf. Orte, die weit von der n\u00e4chsten Gr\u00fcnfl\u00e4che entfernt sind, werden bevorzugt, weil man im Superblock Gr\u00fcnfl\u00e4chen erzeugen kann, die es vorher noch nicht gab. Weitere m\u00f6gliche Kriterien sind zum Beispiel eine hohe Anzahl von Kraftfahrzeugen und eine geringe Gehsteigbreite. Das sind Daten, die in die von uns entwickelte Methode eingehen und die eine <em>Geoinformationssystem- (GIS-) &#8211;<\/em>basierte Identifikation von Kandidaten f\u00fcr Superblocks erm\u00f6glichen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was l\u00e4sst sich an CO2-Emissionen einsparen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Es lassen sich vor allem CO2-Emissionen aus dem Transportsektor einsparen. Inwieweit sich CO2-Emissionen aus der Verlagerung des motorisierten Individualverkehrs einsparen lassen, muss mittel- und langfristig bewertet werden. Aber auch der prozentuale R\u00fcckgang im Autoverkehr kann in CO2-Emissionen umgerechnet werden. Unsere Modellierung hat gezeigt, dass wir durch Verkehrsverlagerungen eine Einsparung von 1 bis 3,7 Prozent des gesamten CO2-Aussto\u00dfes einer durchschnittlichen Wiener Person erreichen k\u00f6nnen. Das mag auf die Person gerechnet nicht viel sein, kann aber schon eine deutliche Auswirkung haben.&nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Eine unerw\u00fcnschte Folge von Superblocks ist, dass die Verkehrsverlagerung zur Verstopfung der umliegenden Stra\u00dfen f\u00fchren kann. Wie kann man dem entgegenwirken? Und: wo wird geparkt?<\/h3>\n\n\n\n<p>Auch das muss man mittel- und langfristig beobachten. Durch die ver\u00e4nderte Verkehrsverteilung nimmt die Attraktivit\u00e4t des motorisierten Individualverkehrs ab und Wege werden eingespart oder werden anders zur\u00fcckgelegt. Das wirkt sich in der Folge auch auf die Anzahl der Autos und die ben\u00f6tigten Parkpl\u00e4tze aus. Bis zu einem gewissen Grad ist es dann durchaus gerechtfertigt, Parkpl\u00e4tze wegzunehmen, weil die Nachfrage gar nicht vorhanden ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Superblocks treffen nicht immer die Erwartungen der Anwohner. In den Niederlanden waren Anwohner zum Beispiel entt\u00e4uscht, weil sie ihr Auto nicht vor dem Haus parken konnten \u2013 und es dauerte Jahre bis die Anbindung an das \u00f6ffentliche Verkehrssystem funktionierte. Wie denken Sie dar\u00fcber?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn die Einf\u00fchrung von Superblocks erfolgreich sein soll, dann braucht es B\u00fcrgerbeteiligung. Das hat schon das Beispiel Barcelona gezeigt &#8211; und Studien haben es bewiesen. B\u00fcrger m\u00fcssen sich schon im laufenden Planungsprozess einbringen k\u00f6nnen, wenn breite Akzeptanz erreicht werden soll. Wobei die Partizipationsprozesse zunehmend durch neue Technologien unterst\u00fctzt werden. Wir haben zum Beispiel mit <em>Virtual Reality<\/em> gearbeitet, um die ver\u00e4nderte Nutzung des \u00f6ffentlichen Raums f\u00fcr die B\u00fcrger darstellen zu k\u00f6nnen. In Verbindung mit unserer Modellierung, konnten wir so die Auswirkungen von Verkehrsverlagerungen greifbar machen \u2013 und besser auf Fragen und \u00c4ngste der Anwohner eingehen. In diesen Partizipationsprozessen haben sich Anwohner aber auch aktiv f\u00fcr das Sperren von Stra\u00dfen eingesetzt. Dadurch sind nat\u00fcrlich weniger Parkpl\u00e4tze vorhanden. Ob das funktionieren kann, muss man sich im Detail ansehen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie kann man die Mobilit\u00e4t innerhalb des Superblocks gew\u00e4hrleisten?<\/h3>\n\n\n\n<p>Das Modell geht davon aus, dass man viele Wege zu Fu\u00df oder mit dem Fahrrad zur\u00fccklegen kann. Der motorisierte Individualverkehr muss nicht komplett ausgeschlossen sein, aber es darf innerhalb des Superblocks keine Durchfahrtstra\u00dfen geben. Das w\u00fcrde den motorisierten Individualverkehr beg\u00fcnstigen. In unserem Superblock-Modell gibt es zur Unterst\u00fctzung der Mobilit\u00e4t auch eine Mobilit\u00e4tsstation, die an einem Verkehrsknotenpunkt liegt und das Sharing von Autos oder anderen Gef\u00e4hrten, wie E-Scootern, E-Fahrr\u00e4dern oder normalen Fahrr\u00e4dern anbietet. Au\u00dferdem haben wir am Rand des Superblocks einen Logistik-Hub positioniert, einen Anlieferpunkt f\u00fcr Waren und Pakete, die dann im Superblock mit einem Lastenfahrrad weiterverteilt werden k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Superblocks in Barcelona wurden rasch gentrifiziert. Selbst ein Viertel, das zuvor heruntergekommen war und an einer hohen Kriminalit\u00e4tsrate litt. Wie kann man das verhindern?<\/h3>\n\n\n\n<p>Verhindern ist vielleicht nicht der richtige Punkt. Bis jetzt wurden Superblocks in St\u00e4dten nur punktuell etabliert. Wenn es in einer Stadt mehrere Superblocks gibt, dann kann es auch zu einer anderen Verteilung der Auswirkungen kommen. Davon gehen wir derzeit aus. Das Beispiel Barcelona wird es zeigen: Die Stadtregierung der 5,59 Millionen Einwohner Stadt will bis 2023 etwa 18 Superblocks umsetzen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Barcelona wird bereits als potenzielle Post-Auto-Metropole gehandelt. Will das Modell des Superblocks das Auto abschaffen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Superblocks sollen zu einer Verkehrsberuhigung f\u00fchren. Dass es dabei zu weniger Autos kommt, ist ein Nebeneffekt, der sich durch die Wegeverlagerung und das ver\u00e4nderte Mobilit\u00e4tsverhalten ergibt. Wichtig ist es, die Konnektivit\u00e4t zu den Superblocks herzustellen. zum Beispiel m\u00fcssen Schulen von au\u00dfen gut erreichbar sein. Innerhalb des Superblocks k\u00f6nnen Stra\u00dfen dann tempor\u00e4r gesperrt werden, damit der Schulweg auch sicher ist.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/warum-kinder-in-deutschland-nicht-mit-dem-fahrrad-zur-schule-kommen-sollen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Warum Kinder in Deutschland nicht mit dem Fahrrad zur Schule kommen sollen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/meistgelesen-fahrradland-niederlande-und-was-ist-mit-dem-rest-europas\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Fahrradland Niederlande, und was ist mit dem Rest Europas?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwei Drittel der Fl\u00e4chen in Wien sind Autos gewidmet, die 98 Prozent ihrer Zeit auf Parkpl\u00e4tzen stehen. 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