{"id":253777,"date":"2020-11-20T07:00:00","date_gmt":"2020-11-20T06:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/innovationorigins.com\/?p=253777"},"modified":"2020-11-20T07:00:00","modified_gmt":"2020-11-20T06:00:00","slug":"carsharing-ein-beitrag-zur-verkehrswende","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/carsharing-ein-beitrag-zur-verkehrswende\/","title":{"rendered":"Carsharing &#8211; ein Beitrag zur Verkehrswende?"},"content":{"rendered":"\n<p>Unbestritten ist: der Carsharing-Markt w\u00e4chst. Unbestritten ist aber auch: das Wachstum liegt weit hinter den Prognosen und Potenzialen zur\u00fcck, die dieser Branche vorausgesagt wurden. Auch wird der Nutzen widerspr\u00fcchlich beurteilt. Liegt im Carsharing die Zukunft der individuellen Mobilit\u00e4t? Oder ist es nur ein weiteres Zusatzangebot? Entlastet es den Verkehr und reduziert die Schadstoffbelastung? Oder erschlie\u00dfen sich Autohersteller geschickt neue Nutzergruppen? All das wird heftig diskutiert. IO sprach mit Wiebke Zimmer. Sie ist studierte Chemikerin und seit 2013 stellvertretende Leiterin des Bereichs Ressourcen und Mobilit\u00e4t im Berliner B\u00fcro des \u00d6ko-Institutes.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Immer mehr und vielf\u00e4ltige Angebote an Carsharing in Deutschland<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die deutsche Hauptstadt des Carsharing ist nicht Berlin, sondern Karlsruhe. 2,15 Sharing-Fahrzeuge kommen hier auf Eintausend Einwohner. Es folgen M\u00fcnchen und Hamburg. Auf seinem vierten Platz kann sich Berlin aber auch einen Titel anheften, es ist die Stadt mit der gr\u00f6\u00dften Anzahl unterschiedlicher Anbieter. Berlin ist divers, auch was den Carsharing-Markt betrifft. Acht gro\u00dfe Anbieter gibt es in der Stadt. F\u00fcr jeden ist etwas dabei. Grunds\u00e4tzlich unterscheidet man die stationsbasierten und die flexiblen oder free-floating-Angebote. Je nach Nutzungsart ist das eine oder andere passender.<\/p>\n\n\n\n<p>Bei einer festen Station abholen und zu ihr zur\u00fcckbringen lohnt sich f\u00fcr l\u00e4ngere Fahrten, denn es ist preisg\u00fcnstiger. F\u00fcr die spontane Fahrt in der Stadt ist das flexible Angebot bequemer \u2013 die Wagen werden per App ausfindig gemacht und k\u00f6nnen an beliebigem Ort innerhalb der City wieder abgestellt werden. In Berlin geh\u00f6ren die Aufschriften auf den Autos von MILES oder FLINKSTER inzwischen zum Stadtbild. Abrechnung nach Kilometern oder nach Minuten oder in Kombination \u2013 je nach Bedarf. Eine Besonderheit bietet WeShare, das Angebot von Volkswagen. Hier werden nur Elektroautos bereitgestellt. Zwei andere Big Player aus der Autobranche haben sich in ShareNow zusammengeschlossen \u2013 Daimler und BMW. Autoverleiher Sixt hat sich mit SIXT SHARE an die Entwicklung angepasst.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Nutzen f\u00fcr Umwelt und Verkehr muss differenziert betrachtet werden<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Die Branche selbst ist vom Nutzen des Carsharing f\u00fcr Verkehr und Umwelt \u00fcberzeugt. So hei\u00dft es auf der Webseite des <a href=\"https:\/\/www.carsharing.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Bundesverbands Carsharing<\/a>: \u201eCarSharing reduziert die Zahl der Pkw und der ben\u00f6tigten Stellpl\u00e4tze. CarSharing f\u00fchrt zur Abschaffung privater Pkw und b\u00fcndelt die Pkw-Nutzungsw\u00fcnsche mehrerer Haushalte auf wenigen Fahrzeugen. CarSharing ver\u00e4ndert das Mobilit\u00e4tsverhalten.\u201c Eine im Fr\u00fchjahr diesen Jahres erschienene <a href=\"https:\/\/publikationen.bibliothek.kit.edu\/1000104216\/51584214\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie<\/a> des <a href=\"https:\/\/www.kit.edu\/index.php\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Karlsruher Instituts f\u00fcr Technologie<\/a> (KIT) zur Nutzung flexiblen Carsharings st\u00fctzt dies Aussagen.<\/p>\n\n\n\n<p>Andere Studien sehen das differenzierter. Unbestritten ist, dass es auf die Sharing-Methode ankommt. Nutzer stationsbasierter Angebote schaffen tats\u00e4chlich etwas h\u00e4ufiger das eigene Auto ab. Allerdings sind es gerade die free-floating-Angebote, die gerade den Markt erobern. Und hier ist der positiver Einfluss auf Umwelt und Autokauf umstritten, teilweise tritt sogar ein negativer Effekt auf. Das ergab eine <a href=\"https:\/\/www.oeko.de\/forschung-beratung\/themen\/mobilitaet-und-verkehr\/anders-mobil-sein-mit-carsharing\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Studie<\/a>, die vom <a href=\"https:\/\/www.oeko.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00d6ko-Institut <\/a>gemeinsam mit dem <a href=\"https:\/\/www.isoe.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">ISOE<\/a>, dem Institut f\u00fcr sozial-\u00f6kologische Forschung, durchgef\u00fchrt wurde. Die Studie besch\u00e4ftigte sich ausschlie\u00dflich mit dem free-floating Angebot von Car2go.<\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>Egal welches Angebot ich als Alternative biete &#8211; notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, dass diese Angebote mehr und eigene Pkws weniger genutzt werden, sind Restriktionen f\u00fcr den Privatverkehr.<\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Im Ergebnis wird festgestellt, dass das frei verf\u00fcgbare Auto in erster Linie ein Zusatzangebot darstellt, die Nutzer sind zum Teil eher auto- als umweltaffin. Ausschlaggebend f\u00fcr die Nutzung von Carsharing sind die Kostenersparnisse. Der bewusste Verzicht aufs eigene Auto aus Umweltgr\u00fcnden kommt weitaus seltner vor. Die Carsharing-Nutzer sind im Durchschnitt 36 Jahre (45 Jahre bei Nutzern stationsgebundener Angebote), vornehmlich m\u00e4nnlich, gebildet, gutverdienend. \u00c4ltere, Familien, Frauen und einkommensschw\u00e4chere Personen nutzen das flexible Carsharing kaum.<\/p>\n\n\n\n<p>Zu einer klaren Aussage \u00fcber Vor- und Nachteile des Carsharing zu kommen, ist nicht einfach. So stellt die Studie des \u00d6ko-Institutes fest: die Gruppe der Sharing-Nutzer schaffte im untersuchten Zeitraum zwar mehr Autos ab, als die Vergleichsgruppe. Es wurden aber auch h\u00e4ufiger Autos angeschafft. Es scheint einiges mehr an Bewegung in dieser Gruppe zu geben \u2013 was mit dem Alter der Nutzer zu tun hat. Oft werden mit dem Carsharing bestimmte Lebensphasen \u00fcberbr\u00fcckt, der Autokauf ist bei vielen nur aufgeschoben, nicht aufgehoben. Ingesamt werden die Angebote auch verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig selten genutzt \u2013 mehrheitlich f\u00fcr bestimmte Freizeitaktivit\u00e4ten, aber nicht im Alltag.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Der private Pkw muss teurer werden<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Im Gegensatz zur KIT-Studie kommt die Studie des \u00d6ko-Institutes zu dem Ergebnis, dass der Einfluss der Nutzung von free-floating Angeboten auf das Verkehrsgeschehen gering ist. Es kommt insgesamt nicht zu einer Reduktion von Pkw im Stra\u00dfenraum und zur Senkung der CO2-Emission. Das hei\u00dft jedoch nicht, dass die Carsharing-Angebote \u00fcberfl\u00fcssig sind. Wiebke Zimmer, eine der Autorinnen der Studie des \u00d6ko-Institutes, sieht im Carsharing dann ein sinnvolles und notwendiges Angebot, wenn auch auf die private Nutzung von Fahrzeugen st\u00e4rker als bisher Einfluss genommen wird:<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch kann ein neues System auf den Markt bringen, wie zum Beispiel die M\u00f6glichkeit ein Auto nicht zu besitzen sondern nur zu nutzen. Wenn ich aber die Rahmenbedingungen f\u00fcr den Autobesitz nicht \u00e4ndere, wird sich am Mobilit\u00e4tsverhalten nichts entscheidendes \u00e4ndern. Egal welches Angebot ich als Alternative anbiete &#8211; Carsharing, bessere Fahrradwege oder eine verbesserte Qualit\u00e4t des \u00f6ffentlichen Nahverkehrs &#8211; notwendige Voraussetzung daf\u00fcr, dass diese Angebote mehr und eigene Pkws weniger genutzt werden, sind Restriktionen f\u00fcr den Privatverkehr. Das ist der Knackpunkt. Es ist absolut notwenig, dass die Nutzung privater Pkw teurer wird.\u201c<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large is-resized\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/Zimmer-edited.jpg\" alt=\"\" class=\"wp-image-253779\" width=\"504\" height=\"335\"\/><figcaption>Wiebke Zimmer<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\"><strong>Die Politik wird aktiv \u2013 erste, kleine Schritte<\/strong><\/h3>\n\n\n\n<p>Wird die Politik t\u00e4tig, um die entsprechenden Rahmenbedingungen zu schaffen und den privaten Pkw unattraktiver zu machen? In der Auto-Nation Deutschland sind die Schritte umk\u00e4mpft und erwartungsgem\u00e4\u00df klein. \u201eEin bisschen was passiert. Zum Beispiel, dass die L\u00e4nder jetzt selbst dar\u00fcber entscheiden d\u00fcrfen, wie hoch die Anwohnerparkgeb\u00fchren angesetzt werden. Bis jetzt gab es da eine Obergrenze und die war viel zu niedrig. Au\u00dferdem gibt es jetzt das <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.gesetze-im-internet.de\/csgg\/BJNR223000017.html\" target=\"_blank\">Carsharing-Gesetz<\/a>. Es gibt erste Schritte, aber nicht genug Anreiz, damit die Leute wirklich ihren privaten PkW abschaffen\u201c, sagt Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Das Carsharing-Gesetz gibt es in Deutschland seit 2017. Gef\u00f6rdert werden Angebote, wenn sie zu einer Verringerung des motorisierten Individualverkehrs sowie zu einer \u201eEntlastung von stra\u00dfenverkehrsbedingten Luftschadstoffen, insbesondere durch das Vorhalten elektrisch betriebener Fahrzeuge\u201c beitragen. In der <a href=\"https:\/\/carsharing.de\/neue-stvo-macht-carsharinggesetz-endlich-vollstaendig-umsetzbar\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">neuen StVO<\/a>, die im April diesen Jahres in Kraft getreten ist, wird ebenso auf die F\u00f6rderung von Carsharing gesetzt. So werden Carsharing-Mobilen u.a. extra ausgewiesene Parkm\u00f6glichkeiten zuerkannt. Besonders wird die Kombination mit Elektromobilit\u00e4t gef\u00f6rdert. Hier k\u00f6nnte ein Vorteil liegen, der Carsharing wirklich umweltfreundlich und zukunftsorientiert macht. \u201eDas tolle an Elektro-Carsharing ist, dass die Menschen die M\u00f6glichkeiten haben, das einfach mal auszuprobieren und sie sich dann selber eher ein Elektro-Fahrzeug anschaffen. Der andere Vorteil ist nat\u00fcrlich, das damit effizientere, emissions\u00e4rmere Fahrzeuge eingesetzt werden\u201c, so Zimmer.<\/p>\n\n\n\n<p>Mit dem Carsharing-Gesetz in der Hand kann die Kommune oder die Stadt Einfluss auf die Art der Carsharing-Angebote nehmen. Ausschreibungen k\u00f6nnen an bestimmte Bedingungen gekn\u00fcpft werden. Zum Beispiel daran, dass die Fahrzeuge nur batterieelektrisch fahren. Oder, dass eine bestimmte Anzahl an Fahrzeugen auch in d\u00fcnner besiedelten Randgebieten zur Verf\u00fcgung gestellt werden muss. Ein beispielhaftes Projekt existiert im Landkreis Barnim, direkt angrenzend an Berlin. Dort wurde im Juni 2019 mit <a href=\"https:\/\/www.barshare.de\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">BarShare<\/a> ein Sharing-Unternehmen gegr\u00fcndet, dass in kommunaler Hand ist und sich an den Bed\u00fcrfnissen der Einwohner ausrichtet. Der Fuhrpark besteht komplett aus Elektroautos. Hier treffen sich B\u00fcrgern\u00e4he und Umweltbewusstsein. Das klingt nach einem guten Konzept f\u00fcr die Mobilit\u00e4t der Zukunft.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant: <\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/besseres-morgen-traut-sich-deutschland-an-nachhaltige-mobilitaet-anstatt-parkplaetze\/\">Besseres Morgen: Traut sich Deutschland an nachhaltige Mobilit\u00e4t anstelle von Parkpl\u00e4tzen?<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/sieben-szenarien-fuer-eine-nachhaltige-mobilitaet\/\">Sieben Szenarien f\u00fcr eine nachhaltige Mobilit\u00e4t<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/elektromobilitat-in-deutschland-zu-wenig-wissen-unter-verbrauchern\/\">Elektromobilit\u00e4t in Deutschland \u2013 zu wenig Wissen unter Verbrauchern<\/a><\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Unbestritten ist: der Carsharing-Markt w\u00e4chst. 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