{"id":251435,"date":"2020-11-05T11:00:00","date_gmt":"2020-11-05T10:00:00","guid":{"rendered":"http:\/\/innovationorigins.com\/?p=251435"},"modified":"2020-11-05T11:00:00","modified_gmt":"2020-11-05T10:00:00","slug":"neue-methode-ermoglicht-das-recycling-von-kleidung-mit-polyamid-erstmals-im-geschlossenen-kreislauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/neue-methode-ermoglicht-das-recycling-von-kleidung-mit-polyamid-erstmals-im-geschlossenen-kreislauf\/","title":{"rendered":"Durchbruch im Recycling von Kleidung mit Polyamid"},"content":{"rendered":"\n<p>Polyamid wird aus Erd\u00f6l gewonnen, einem nicht erneuerbaren Rohstoff. Deshalb ist es nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich, die Faser f\u00fcr ein kurzlebiges Produkt wie Kleidung zu verwenden. Wenn die Kleidung nach dem Tragen entsorgt wird,&nbsp; belastet sie zus\u00e4tzlich die Umwelt. Gleichzeitig kann man Polyamid aber nicht einfach weglassen, weil es Textilien haltbarer und dehnbarer macht. Konventionelle Damenstr\u00fcmpfe und Teppiche bestehen zum Beispiel fast g\u00e4nzlich aus Polyamid. Bei M\u00fctzen oder Uniformen wird Polyamid meist mit Wolle oder Baumwolle gemischt, weil das den Tragekomfort erh\u00f6ht. An diesen Mischfasern ist man bisher im Recycling von Kleidung gescheitert. <\/p>\n\n\n\n<p>Das ist umso problematischer als die Mengen an polyamidhaltiger Kleidung enorm sind. Geht man von einer typischen Mischung von 15 bis 20 Prozent aus, dann lag die Produktionsmenge 2018 bei 10,8 Millionen Tonnen weltweit. <\/p>\n\n\n\n<blockquote class=\"wp-block-quote is-layout-flow wp-block-quote-is-layout-flow\"><p>\u201eWenn wir nur einen Teil davon als Rohstoff f\u00fcr neue Fasern zur\u00fcckgewinnen k\u00f6nnen, leisten wir schon einen gro\u00dfen Beitrag f\u00fcr die Umwelt,\u201c sagt <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/350-jahre\/gemeinsam\/portraets\/tung-pham.html.de\" target=\"_blank\">Dr. Tung Pham<\/a>, Leiter des <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/textilchemie\/\"><em>Forschungsinstituts f\u00fcr Textilchemie und Textilphysik<\/em> <\/a>mit Sitz in Innsbruck. <\/p><\/blockquote>\n\n\n\n<p>Er hat gemeinsam mit seinem Team eine neue Methode zum Recycling von Kleidung mit polyamidhaltigen Fasern entwickelt. Im Interview mit <em>Innovation Origins<\/em> erkl\u00e4rt er den Prozess:<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie ist der Stand der Technik f\u00fcr das Recycling von Kleidung mit Kunstfasern?<\/h3>\n\n\n\n<p>Man kann eine Textilfaser, die Polyamid enth\u00e4lt, nicht einfach in einem mechanischen Verfahren trennen. Bei Kunststoff ist das m\u00f6glich. Deshalb gibt es auch schon mehrere funktionierende Recyclingtechnologien, zum Beispiel solche zur Trennung von&nbsp; <em>Polyethylenterephthalat<\/em> (PET) und <em>Polyethylen<\/em> (PE) aus Flaschen. Es gibt auch schon textile Kleidung aus rezykliertem <em>Polyethylenterephthalat<\/em> (PET) aus Plastikflaschen. Aber es gibt noch kein System mit einem geschlossenen Kreislauf.<\/p>\n\n\n\n<div class=\"wp-block-image\"><figure class=\"aligncenter size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/320px-AWB_Altkleidercontainer_Koeln.jpg\" alt=\"Recycling von Kleidung, Polyamid, Mischfaser, \" class=\"wp-image-251506\"\/><figcaption>(c) Von Superbass &#8211; Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=28467886<\/figcaption><\/figure><\/div>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Was ist das Problem im Recycling von Kleidung aus polyamidhaltigen Fasern?<\/h3>\n\n\n\n<p>Die Fasern werden meistens schon im Garn versponnen und dieses Mischgarn l\u00e4sst sich mechanisch schwer trennen. Bisherige Versuche waren erfolglos. Die Fasern wurden im Recyclingprozess stark gesch\u00e4digt und waren zu kurz, um wieder versponnen zu werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Aber auch L\u00f6sungsmittel k\u00f6nnen die Fasern im Recyclingprozess zerst\u00f6ren. Zum Beispiel l\u00f6sen sich Mischfasern bei chemischen Recyclingmethoden in superkritischen Medien und sogar in superkritischem Wasser auf und lassen sich nicht mehr trennen. (Anmerkung: Superkritisches Wasser besitzt deutlich andere Eigenschaften als unter Normbedingungen. Es hat die Dichte des normalen Wassers und die Viskosit\u00e4t des Wasserdampfes.)<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong> <a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/kreislaufwirtschaft-fuer-textilien-aus-fasermischungen\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Kreislaufwirtschaft f\u00fcr Textilien aus Fasermischungen<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Theoretisch k\u00f6nnte man auch ein organisches L\u00f6sungsmittel wie Ameisens\u00e4ure oder Kresol verwenden, um das Polyamid aufzul\u00f6sen. Allerdings ist die Prozesstechnik unattraktiv, weil sie sehr gro\u00dfe Mengen an L\u00f6sungsmittel erfordert. Das ist aus technischer und \u00f6kologischer Perspektive bedenklich und wird nicht angewendet. Das hei\u00dft, ein Verfahren f\u00fcr die Trennung von Wolle, Baumwolle, Zellwolle und Elasthan von Polyamid gibt es bis dato noch nicht. Man kann Polyamid zwar schon aus anderen Fasern l\u00f6sen, aber sobald ein Mischgarn vorliegt, sto\u00dfen wir an die Grenzen der Machbarkeit.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Welchen Ansatz verfolgen Sie?<\/h3>\n\n\n\n<p>Deshalb kommt f\u00fcr uns die mechanische Trennung gar nicht in Frage. In unserer Methode wird nur das Polyamid aufgel\u00f6st und die Wolle kann ganz leicht wieder zur Wollfaser zerlegt werden. Dabei kommt es zu einer blo\u00df minimalen Reduktion der Faserl\u00e4nge. Unser Ansatz ist es, die umschlingende Struktur von Wolle oder Baumwolle durch die Aufl\u00f6sung von Polyamid zu \u00f6ffnen. Dadurch haben wir bessere Chancen, die loser werdende Wolle oder Baumwolle weitgehend unbesch\u00e4digt auseinandernehmen zu k\u00f6nnen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie k\u00f6nnen wir uns das vorstellen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wir geben zum Beispiel ein Mischgarn aus Wolle oder Baumwolle mit Polyamid in diese L\u00f6sung, die derzeit aus Wasser, Ethanol und Kalziumchlorid besteht. Nach kurzer Zeit haben wir zwei Fraktionen:&nbsp; Die feste Fraktion ist die Wolle,&nbsp; die wir mithilfe von Wasser aus der L\u00f6sung sp\u00fclen und vom Rest trennen. Die fl\u00fcssige Fraktion, in der sich die aufgel\u00f6sten Polyamidfasern befinden, k\u00f6nnen wir ebenfalls durch die Zugabe von Wasser ausheben. Das Polyamid sinkt durch die Zugabe von Wasser auf den Boden und wir k\u00f6nnen es filtrieren und wieder anwenden &#8211; aber als Pulver und nicht als Faser. Dieses Pulver kann von einem Faserspinner zu neuen Polymidfasern versponnen werden.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie sind Sie auf das L\u00f6sungsmittel gekommen?<\/h3>\n\n\n\n<p>\u00dcber diesen chemischen Mechanismus wurde schon in den 1960-er Jahren berichtet, als man damit Seide aufl\u00f6ste. Wir haben die Chemie auf Polyamid umgesetzt. Dabei haben wir den Mischungsbereich zwischen Kalziumchlorid, Ethanol und Wasser gefunden, mit dem wir selektiv Polyamid l\u00f6sen k\u00f6nnen, ohne Baumwolle, Wolle, Zellwolle oder Elasthan zu sch\u00e4digen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant: <\/strong><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/wie-baumwolle-intelligent-wird\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wie Baumwolle intelligent wird<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Polyamid kann man sich als Polymer vorstellen, das aus sehr langen Ketten besteht. Die Interaktion zwischen den Polymerketten ist durch sogenannte Wasserstoffbr\u00fccken verst\u00e4rkt. Mit unserem Gemisch schaffen wir es, dass die Kalzium Ionen diese Wasserstoffbr\u00fccken zerschlagen und die Anziehungskr\u00e4fte zwischen den Polymerketten gesenkt werden. Auf diese Art k\u00f6nnen wir Polyamid ohne toxische organische L\u00f6sungsmittel aufl\u00f6sen.<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie weit ist das Verfahren gediehen?<\/h3>\n\n\n\n<p>Im Moment sind wir noch im Laborma\u00dfstab, m\u00f6chten aber innerhalb der kommenden vier Jahre in den Pilotma\u00dfstab gehen. Wir haben gerade einen Antrag f\u00fcr ein europ\u00e4isches Konsortium gestellt \u2013 mit Partnern aus Industrie und Forschung. &nbsp;In diesem Konsortium wollen wir mit Unternehmen aus den Bereichen Kleidersammlung, Kunststoffrecycling, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"http:\/\/www.wirtschaftslexikon24.com\/d\/lebenszyklusanalyse\/lebenszyklusanalyse.htm\" target=\"_blank\">Lebenszyklusanalyse<\/a>, Faserspinnen und Stoffproduktion zusammenarbeiten. Dabei wollen wir auch die Wertsch\u00f6pfungskette evaluieren, um die textile Zirkularit\u00e4t vorantreiben zu k\u00f6nnen. Im Pilotma\u00dfstab werden wir Materialien in einer Gr\u00f6\u00dfenordnung von 100 Kilogramm aus Mischtextilien ausl\u00f6sen, neue Fasern daraus spinnen und mit Stoffherstellern Prototypen aus rezyklierter Wolle, Baumwolle und Polyamid herstellen. Dar\u00fcberhinaus wollen wir auch systemische \u00c4nderungen herbeif\u00fchren und die Akzeptanz von wiederverwendbaren Produkten in der Gesellschaft f\u00f6rdern. Das wird uns aber nur gelingen, wenn es auch den gesetzlichen Rahmen dazu gibt.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-image size-large\"><img decoding=\"async\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/11\/janko-ferlic-eBtwD6ZG78I-unsplash-1004x670.jpg\" alt=\"Recyclig von Kleidung, Polyamid, Mischfaser\" class=\"wp-image-251495\"\/><figcaption>(c) Unsplash &#8211; Janko Ferlic<\/figcaption><\/figure>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Wie und wo k\u00f6nnte die von Ihnen entwickelte Methode zum Recycling von Kleidung angewendet werden?<\/h3>\n\n\n\n<p>Wenn Unternehmen ihre gebrauchten Produkte von den Endverbrauchern zur\u00fccknehmen, dann ist das&nbsp; gut. Ein Beispiel daf\u00fcr ist das <em>cradle-to-cradle-<\/em>Prinzip des Strumpfhosenherstellers <em><a href=\"https:\/\/www.wolfordshop.at\/?cid=5&amp;nsctrid=v01MTQyMTExMjIxMTExMTExMTEwMTQyNjY5MjAwMDAwMDA2MTYwMzExMTQxM2NzZW1sYXQyMDIwMTAxOTE0NDMzMzE5MTM1MzQ1NjdYMTEwNzE0QzEwMjYxMjU1MTFUU2dfNDU1NjI5NTgwMTAzX3dvbGZvcmRDajBLQ1FqdzhyVDhCUkNiQVJJc0FMV2lPdlE3X3IzZkhnOHNMZ3A3THhvbW9uSHVmWjJ0c2hJc0pCWGZjVS16NHhpaVhiYy1wZ0l0cVNJYUFueVZFQUx3X3djQjExMDcxNA&amp;gclid=Cj0KCQjw8rT8BRCbARIsALWiOvQ7_r3fHg8sLgp7LxomonHufZ2tshIsJBXfcU-z4xiiXbc-pgItqSIaAnyVEALw_wcB\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Wolford<\/a><\/em>, der den Produktzyklus steuert, indem er Kunden motiviert, Produkte nach dem Gebrauch zur\u00fcckzugeben. Aber da bewegen wir nur einen Teil von dem Wert, den wir an Textilproduktion haben. Ein gr\u00f6\u00dferer Teil geht \u00fcber Textilsammelunternehmen wie zum Beispiel <em>Caritas<\/em>. Wir wollen unsere Methode auch in Recyclingunternehmen implementieren, um das Recycling von Kleidung firmenunabh\u00e4ngig zu erm\u00f6glichen.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<h3 class=\"wp-block-heading\">Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n\n\n\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong> <\/p>\n\n\n\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/mechanisches-recycling-aus-hosen-werden-autositze\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Mechanisches Recycling \u2013 Aus Hosen werden Autositze<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Polyamid wird aus Erd\u00f6l gewonnen, einem nicht erneuerbaren Rohstoff. Deshalb ist es nicht ganz selbstverst\u00e4ndlich, die Faser f\u00fcr ein kurzlebiges Produkt wie Kleidung zu verwenden. Wenn die Kleidung nach dem Tragen entsorgt wird,&nbsp; belastet sie zus\u00e4tzlich die Umwelt. Gleichzeitig kann man Polyamid aber nicht einfach weglassen, weil es Textilien haltbarer und dehnbarer macht. 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