{"id":225730,"date":"2020-06-25T07:45:10","date_gmt":"2020-06-25T05:45:10","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=225730"},"modified":"2020-06-25T07:45:10","modified_gmt":"2020-06-25T05:45:10","slug":"das-null-emissions-projekt-der-eu-nicht-ohne-unkonventionellen-klimaschutz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/das-null-emissions-projekt-der-eu-nicht-ohne-unkonventionellen-klimaschutz\/","title":{"rendered":"Das Null-Emissions-Projekt der EU &#8211; nicht ohne unkonventionellen Klimaschutz?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Um den Klimawandel zu stoppen und den Kohlendioxidgehalt der Luft nicht weiter steigen zu lassen, stehen technologische Verfahren zur Verf\u00fcgung, die CO2 aus der Luft abschneiden: die CO2-Abschneidung und -Speicherung bei der Energieproduktion aus Biomasse (BECCS) und die Direktabschneidung und Speicherung von CO2 (DACCS). Beide Verfahren sind Methoden des Carbon Capture and Storage (CCS).<\/strong><\/p>\n<p>In dem 2018 von der EU-Kommission formulierten <a href=\"https:\/\/eur-lex.europa.eu\/legal-content\/DE\/TXT\/?uri=CELEX%3A52018DC0773\">Entwurf zur Klima-Langfriststrategie<\/a> wurde verankert, dass bis zum Jahr 2050 der Anstieg von CO2 und anderen Treibhausgasen in der Atmosph\u00e4re auf dem Gebiet der Europ\u00e4ischen Union auf Null abgesenkt werden soll. Es geht dabei um ein sogenanntes Netto-Null. Dass hei\u00dft, es wird weiterhin Emissionen geben, denn besonders in der Stahl- und Zementproduktion, beim Flugverkehr in der Landwirtschaft lassen sie sich nicht vermeiden. Um diese Restemissionen auszugleichen, m\u00fcssen Verfahren zum Einsatz kommen, die CO2 aus der Atmosph\u00e4re entfernen, sogenannte CDR-Verfahren.<\/p>\n<p>So argumentiert die im Mai diesen Jahres ver\u00f6ffentlichte <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\/publikation\/eu-klimapolitik-unkonventioneller-klimaschutz\/\">Studie \u201eUnkonventioneller Klimaschutz\u201c<\/a> der <a href=\"https:\/\/www.swp-berlin.org\"><em>Stiftung Politik und Wissenschaft<\/em><\/a>, einer durch Bundesmittel finanzierten Forschungsstelle in Berlin. Die Autoren Oliver Geden und Felix Schenuit gehen der Frage nach, auf welche Weise &#8216;unkonventioneller Klimaschutz&#8217; &#8211; die gezielte Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re &#8211; als neuer Ansatz in die EU-Klimapolitik integriert werden kann.<\/p>\n<h3>Emissionen zu vermeiden, reicht nicht aus<\/h3>\n<p>Begrifflich wird der konventionelle Klimaschutz, der auf Vermeidung und Verringerung von Emission setzt, vom unkonventionellen Klimaschutz unterschieden. Bei letzterem geht es darum, der Atmosph\u00e4re CO2 zu entziehen. Es stehen dazu verschiedene nat\u00fcrliche Methoden zur Diskussion, die sogenannten nat\u00fcrlichen Kohlenstoffsenken. An erster Stelle ist hier die Aufforstung zu nennen. Weitere M\u00f6glichkeiten k\u00f6nnten die Anreicherung von B\u00f6den mit CO2, die Ausbringung spezieller Steinmehle in B\u00f6den und Ozeane oder die D\u00fcngung der Ozeane zur F\u00f6rderung des Planktonwachstums bieten. Alle diese Verfahren haben ihre Vor- und Nachteile. Alle gemeinsam, davon gehen die Autoren der Studie aus, k\u00f6nnen der Atmosph\u00e4re nicht zuverl\u00e4ssig genug Kohlendioxid entziehen, um die Restemission auszugleichen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>Mittelfristig wird die EU nicht umhinkommen, technologische Senken in ihre Klimapolitik zu integrieren.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Deshalb kommen die k\u00fcnstlichen oder technologischen Verfahren ins Spiel, die CO2 aus der Luft entfernen. Eine M\u00f6glichkeit besteht darin, die Produktion von Energie aus Biomasse direkt mit der Abscheidung von Kohlendioxid zu kombinieren (BECCS). \u201eDa Biomasse w\u00e4hrend ihres Wachstums CO2 bindet, ist die Kombination beider Prozesse gleichbedeutend mit einer Netto-Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re\u201c hei\u00dft es in der Studie. Die Autoren weisen aber darauf hin, dass diese Entnahmestrategie in Konflikt mit der Nahrungsmittelproduktion und mit der Biodiversit\u00e4t steht, da die ben\u00f6tigten schnellwachsenden Pflanzen in Monokulturen angebaut werden. Ein weiteres technologisches Verfahren ist die Direktabscheidung und Speicherung von CO2 (DACCS). Mittels chemischer Prozesse wird es aus der Umgebungsluft gefiltert und kann dann weiterverarbeitet oder gespeichert werden.<\/p>\n<h3>Wohin mit dem Kohlendioxid?<\/h3>\n<p>Und hier beginnen beide Verfahren, problematisch zu werden. Nur ein kleiner Teil des CO2 kann genutzt werden, z.B. f\u00fcr die Getr\u00e4nkeindustrie oder zur Produktion synthetischer Treibstoffe. Und auch dieser Anteil landet fr\u00fcher oder sp\u00e4ter wieder in der Luft. Um das abgeschnittene CO2 dauerhaft aus der Atmosph\u00e4re zu verbannen, m\u00fcsste es gespeichert werden \u2013 in geologischen Formationen und in den B\u00f6den der Ozeane. Das <a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.de\/themen\/wasser\/gewaesser\/grundwasser\/nutzung-belastungen\/carbon-capture-storage#grundlegende-informationen\">CCS<\/a> genannte Verfahren w\u00fcrde unterirdische Speicherung riesiger Mengen risikobehafteter Gase auf unabsehbare Zeit und in wachsendem Umfang bedeuten. Eine solche Aussicht ist nicht sehr attraktiv. Dazu kommt, dass die Verfahren sehr energieintensiv sind.<\/p>\n<p>Dies m\u00f6gen Ursachen daf\u00fcr sein, dass sich EU-Gremien mit konkreten Pl\u00e4nen und Vorgaben zur Integration des unkonventionellen Ansatzes in die europ\u00e4ische Klimapolitik noch zur\u00fcckhalten und eine Debatte um die CO2-Entnahme-Methoden vermieden wird. Gleichzeitig wird auf ihre Notwendigkeit verwiesen und es werden diesbez\u00fcglich Forschungsgelder bereitgestellt. In Deutschland wird die Anwendung von CCS als Teil der Klimaschutzpolitik abgelehnt. Besonders die Umweltverb\u00e4nde haben sich gegen einen Einsatz dieser Verfahren stark gemacht. Wir sprachen dar\u00fcber mit Sascha M\u00fcller-Kraenner, dem Bundesgesch\u00e4ftsf\u00fchrer der <a href=\"https:\/\/www.duh.de\/\"><em>Deutschen Umwelthilfe<\/em><\/a>.<\/p>\n<h3>Um schmerzhafte Einschnitte kommen wir nicht herum<\/h3>\n<p>Seine Meinung zu diesem Thema lautet kurz zusammengefasst: \u201e\u00dcber unkonventionellen Klimaschutz kann man sich Gedanken machen. Aber nicht jetzt.\u201c Denn es besteht die Gefahr, dass die unkonventionellen Methoden bestimmten Interessengruppen als Vehikel dienen, gegen die rapide Reduktion der Treibhausgasemissionen zu argumentieren. Doch hier sind schmerzhafte Einschnitte einfach unumg\u00e4nglich. \u201eNat\u00fcrlich ist es so: die niedrig h\u00e4ngenden Fr\u00fcchte im Klimaschutz sind alle geerntet. Das was jetzt kommt tut richtig weh. Tut richtig weh in dem Sinne, dass es da um wirtschaftliche Interessen geht\u201c, so M\u00fcller-Kraenner.<\/p>\n<p>Die CDR-Verfahren sieht er kritisch. Denn es gibt sowohl \u00f6kologische wir auch \u00f6konomische Grenzen f\u00fcr die Entnahme von CO2 aus der Atmosph\u00e4re. Die nat\u00fcrliche Umwelt bietet gen\u00fcgend M\u00f6glichkeiten zur Bindung von CO2 \u2013 wenn wir diese M\u00f6glichkeiten konsequent nutzen. M\u00fcller-Kraenner: \u201eDie \u00dcberschrift muss sein: Wiederherstellung nat\u00fcrlicher und naturnaher \u00d6kosysteme dort, wo sie einmal waren. Ganz viel Potenzial liegt au\u00dferdem in einer anderen Bodenbewirtschaftung und in der Beendigung der Zerst\u00f6rung von prim\u00e4ren \u00d6kosystemen. Der Beendigung der Zerst\u00f6rung von tropischen Regenw\u00e4ldern. Der Wiedervern\u00e4ssung von Feuchtgebieten. Aber nat\u00fcrlich auch in der Reduzierung der Tierzahl bei der Viehzucht.\u201c Darauf sollte gesetzt werden, anstatt Auswege in energieaufwendigen \u201etechnologischen Wunderl\u00f6sungen\u201c zu suchen. Um einschneidende Ver\u00e4nderungen in unserer Lebens- und Wirtschaftsweise kommen wir nicht herum, wenn wir das Klima wirklich sch\u00fctzen, unser \u00dcberleben sichern wollen.<\/p>\n<blockquote>\n<p>\u00dcber unkonventionellen Klimaschutz kann man sich Gedanken machen. Aber nicht jetzt. Die \u00dcberschrift muss sein: Wiederherstellung nat\u00fcrlicher und naturnaher \u00d6kosysteme.<\/p>\n<\/blockquote>\n<p>Das sehen Geden und Schenuit im Grundsatz \u00e4hnlich. Deshalb schlagen sie vor, die Priorisierung des konventionellen Klimaschutzes, also der Reduzierung von Emission, gegen\u00fcber unkonventionellen Methoden festzuschreiben und zwar in einem Verh\u00e4ltnis von etwa 90:10 Prozent. Denn auch sie sehen die Gefahr, die die Strategie des unkonventionellen Klimaschutzes in sich birgt: wenn in starkem Ma\u00dfe auf die CO2-Entnahme-Strategie gesetzt wird, k\u00f6nnte das Paradigma des konventionellen Klimaschutz Schaden nehmen und an Wirkm\u00e4chtigkeit verlieren. Weitere Emissionen k\u00f6nnten mit Verweis auf die Entnahme von CO2 grunds\u00e4tzlich gerechtfertigt werden, was die Bem\u00fchungen zur konsequenten Emissionsvermeidung schw\u00e4chen w\u00fcrde. Der B\u00e4renanteil muss durch die Vermeidung von Emission erbracht werden, CO2-Entnahme-Verfahren k\u00f6nnen nur eine Erg\u00e4nzung dazu sein.<\/p>\n<h3>Klimaschutz vs. Nachhaltigkeit?<\/h3>\n<p>Allerdings sehen die Autoren der Studie hier die Notwendigkeit als auch das Potenzial in der Entwicklung und im Ausbau technologischer Verfahren. Sie sehen die politischen Akteure in den EU-Gremien aufgefordert, hier die notwendigen Bedingungen zu schaffen. Unternehmerische Akteure sind in zweifacher Weise angesprochen: \u201eZum einen als (emittierende) Verantwortliche f\u00fcr das Problem und zum anderen als potentielle Innovationstreiber mit gr\u00fcnen Wachstumschancen.\u201c Bis auf wenige Ausnahmen haben sich europ\u00e4ische Unternehmen und Branchenverb\u00e4nde bislang noch nicht zum Ansatz der CO2-Entnahme positioniert. Es l\u00e4sst sich, so die Autoren, nicht prognostizieren, auf welche Weise und mit welcher Geschwindigkeit die Entwicklung weiter verl\u00e4uft. \u201eMittelfristig aber wird die EU nicht umhinkommen, technologische Senken in ihre Klimapolitik zu integrieren.\u201c<\/p>\n<p>Die beschriebenen technologische Verfahren laufen im Endeffekt auf eine Anh\u00e4ufung von CO2 unter der Erde oder unter den Ozeanen hinaus. Auf die Nachteile und Gefahren dieser Verfahren gehen Geden und Schenuit in ihrer Studie nur am Rande ein. Unbeantwortet bleibt die Frage, wie es zum Paradigma der Nachhaltigkeit passt, kommenden Generationen Unmengen an Kohlendioxid in unterirdischen Speichern zu hinterlassen. Es bleibt also viel Raum f\u00fcr nachhaltige Innovationen in den Klimaschutz.<\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/?s=klima\"><em><strong>Lesen Sie hier mehr zum Thema Klima und Klimawandel.<\/strong><\/em><\/a><\/p>\n\n\n<p><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Um den Klimawandel zu stoppen und den Kohlendioxidgehalt der Luft nicht weiter steigen zu lassen, stehen technologische Verfahren zur Verf\u00fcgung, die CO2 aus der Luft abschneiden: die CO2-Abschneidung und -Speicherung bei der Energieproduktion aus Biomasse (BECCS) und die Direktabschneidung und Speicherung von CO2 (DACCS). Beide Verfahren sind Methoden des Carbon Capture and Storage (CCS). 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