{"id":220237,"date":"2020-05-06T14:00:36","date_gmt":"2020-05-06T12:00:36","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=220237"},"modified":"2020-05-06T14:00:36","modified_gmt":"2020-05-06T12:00:36","slug":"coronakrise-und-homeoffice-arbeitgeber-denken-an-digitale-ueberwachung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/coronakrise-und-homeoffice-arbeitgeber-denken-an-digitale-ueberwachung\/","title":{"rendered":"Coronakrise und Homeoffice: Arbeitgeber denken an digitale \u00dcberwachung"},"content":{"rendered":"<p>Bis jetzt basiert <strong>Homeoffice<\/strong> noch weitgehend auf Vertrauen, sagt <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/wipl\/team\/team\/remus.html.de\">Ulrich Remus<\/a> von der <a href=\"https:\/\/www.uibk.ac.at\/\">Universit\u00e4t Innsbruck<\/a>. Aber das k\u00f6nne sich in der Coronakrise \u00e4ndern. Die Nachfrage nach <strong>Monitoring Software<\/strong> hat zugenommen. Jetzt m\u00fcssen Arbeitnehmer zu Hause arbeiten &#8211;\u00a0\u00a0auch wenn sie das gar nicht m\u00f6chten und nicht \u00fcber die h\u00e4usliche Infrastruktur verf\u00fcgen. Im Gegenzug f\u00fcrchten Arbeitgeber einen starken Kontrollverlust. Dadurch kann digitale \u00dcberwachung verst\u00e4rkt ins Spiel kommen, so der Wirtschaftsinformatiker.<\/p>\n<p>Remus besch\u00e4ftigt sich schon seit vielen Jahren mit digitalen Arbeitsformen. Die Coronakrise ist ein interessantes Forschungsfeld f\u00fcr ihn, weil sich die Arbeitswelt wesentlich in den digitalen Raum verschoben hat. Der Forscher im Interview mit Innovation Origins:<\/p>\n<figure id=\"attachment_221624\" aria-describedby=\"caption-attachment-221624\" style=\"width: 255px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-221624 \" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/05\/Schermafbeelding-2020-05-05-om-07.57.33-150x122.png\" alt=\"\" width=\"255\" height=\"207\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-221624\" class=\"wp-caption-text\">Ulrich Remus (c) Universit\u00e4t Innsbruck &#8211; I. Seeber<\/figcaption><\/figure>\n<h2>Ist Homeoffice denn die bessere Form des Angestelltenverh\u00e4ltnisses?<\/h2>\n<p>Das ist eine schwierige Frage. Es sind verschiedene Faktoren, die eine Rolle spielen. Zun\u00e4chst h\u00e4ngt es von der Art der Arbeit ab. Zum Beispiel konnte man bei einfachen Arbeiten im Homeoffice, wie im Call Center, gro\u00dfe Effizienzgewinne nachweisen. Die Mitarbeiter arbeiten teilweise die ganze Woche zu Hause. In wissensintensiven, kreativen Jobs in denen es um Arbeitseffizienz geht, sind die meisten nur ein bis zwei Tage zu Hause. Auch dabei sind die Erfahrungen sehr positiv. Ein Mix von Homeoffice und B\u00fcro bietet sich an, weil man zu Hause weniger gest\u00f6rt wird, Arbeitswege wegfallen, et cetera. Aber es braucht h\u00e4ufig auch die Interaktion mit Kollegen, weil viel face-to-face passiert. Das sind Dinge, die man nicht so einfach in den virtuellen Raum in Form von Videokonferenzen verlagern kann, sondern die gut \u00fcberlegt sein m\u00fcssen, wenn sie funktionieren sollen.<\/p>\n<p>Ob Homeoffice die bessere L\u00f6sung ist, h\u00e4ngt auch von sozialen und pers\u00f6nlichen Faktoren ab. Besitzt man Selbstdisziplin? Ist man intrinsisch motiviert? Wird man eher durch die Gruppe motiviert? Nutzt man die Flexibilit\u00e4t zu Hause? Wenn Homeoffice gut geplant ist und auf Vertrauen zielt, dann wird es gut aufgenommen. Das gilt auch f\u00fcr Homelearning. Da gibt es jetzt Sch\u00fcler, die sagen: \u201eEndlich kann ich nach meinem Rhythmus lernen.\u201c<\/p>\n<h3>Als Sie von den Ausgangsbeschr\u00e4nkungen durch die Coronakrise h\u00f6rten \u2013 was ist Ihnen durch den Kopf gegangen?<\/h3>\n<p>Ich habe die Entwicklungen schon l\u00e4nger verfolgt &#8211; unter anderem, weil mich interessiert, wie China mit einem riesigen digitalen Kontrollapparat versucht, die Pandemie einzud\u00e4mmen. Hier an der Uni haben wir im Vorfeld \u00fcberlegt, wie wir unsere Lehrveranstaltungen auf Homelearning umstellen k\u00f6nnen. Kurz gesagt, das verordnete Homeoffice hat mich dann nicht sonderlich \u00fcberrascht.<\/p>\n<p>Als Forscher nimmt man gerne die Beobachterrolle an und schaut wie die Gesellschaft damit umgeht. Auch vor dem Hintergrund, dass es in der Corona-Krise keinen wirklich sichtbaren Feind gibt, bekommen die Bilder und Nachrichten in den Medien ein besonderes Gewicht. Das Problem Corona k\u00f6nnen daher viele nur durch die gesetzten Ma\u00dfnahmen und die mediale Aufbereitung sp\u00fcren. Das fand ich interessant.<\/p>\n<h3>Jetzt beobachten Sie, welche Entwicklung das Thema Homeoffice in der Coronakrise nimmt?<\/h3>\n<p>In der Coronakrise sind Homeoffice und Homelearning verordnet und nicht freiwillig. Deshalb sind die Erfahrungen mit Vorsicht zu genie\u00dfen. Nach der Krise sollte man die individuelle Situation nachvollziehen, um zu sehen, warum die Erfahrung f\u00fcr bestimmte Personen negativ war. Wenn beide Elternteile Homeoffice verordnet bekommen, zudem die Kinder zu betreuen sind, dann ist eine negative Wahrnehmung wahrscheinlicher. Ich hoffe aber, dass Corona nun endlich die Chance bietet, Homeoffice auch \u00fcber die typischen IT Start-ups hinaus salonf\u00e4hig zu machen.<\/p>\n<h3>Wenn es um Privatsph\u00e4re geht &#8211; worauf lassen sich Menschen im Homeoffice allgemein ein?<\/h3>\n<p>Vor der Coronakrise war Homeoffice eher ein Incentive (Anmerkung: Anreiz). Wer das durfte, dem wurde vertraut. Jetzt haben wir die Situation, dass Arbeitnehmer in das Homeoffice geschickt werden, welche das gar nicht m\u00f6chten und nicht \u00fcber die h\u00e4usliche Infrastruktur verf\u00fcgen. Auch gibt es Arbeitgeber, die durch Homeoffice einen starken Kontrollverlust f\u00fcrchten.<\/p>\n<p>Dadurch kann verst\u00e4rkt digitale \u00dcberwachung und Transparenz ins Spiel kommen. Die Software<a href=\"https:\/\/sneek.io\/\"> Sneek<\/a>, zum Beispiel macht in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden Fotos, um zu sehen, ob auch alle am Schreibtisch sitzen. Der Anbieter verkauft es positiv und sagt, man wolle die Mitarbeit virtuell abbilden und den Zusammenhalt f\u00f6rdern. Aber nat\u00fcrlich macht es T\u00fcr und Tor auf f\u00fcr digitale \u00dcberwachung anhand von allerlei biometrischer und Verhaltensdaten.<\/p>\n<p>Zuk\u00fcnftig k\u00f6nnte es auch in die Richtung gehen \u201eOkay, du darfst im Homeoffice arbeiten, aber nur wenn du eine Kontroll-App installierst\u201c, und so soll es nicht sein. Das zeigt den Diskurs auf, den wir jetzt f\u00fchren sollten. Bisher basiert Homeoffice noch auf Vertrauen. Und das ist gut so, da viele Vorteile des Homeoffice sich ausschlie\u00dflich durch Vertrauen realisieren lassen. Forschung zeigt, dass sobald das Gef\u00fchl der Fremd\u00fcberwachung aufkommt, die intrinsische Motivation sinkt. Auch versuchen Menschen dann vermehrt die \u00dcberwachung auszutricksen.<\/p>\n<p>Der in Berlin lebende Philosoph <a href=\"http:\/\/www.byungchulhan.de\/\">Byung-Chul Han <\/a>sagt, dass dort wo Transparenz herrscht kein Raum f\u00fcr Vertrauen ist. Der Ruf nach Software zur Schaffung von Transparenz ist daher auch die typische Reaktion einer Kontrollgesellschaft die nicht gen\u00fcgend vertraut.<\/p>\n<h3>Setzen Arbeitgeber digitale \u00dcberwachung gegen\u00fcber ihren Mitarbeitern im Homeoffice ein?<\/h3>\n<p>Soviel mir bekannt ist wird das in Deutschland und \u00d6sterreich noch nicht stark genutzt. In China und den <em>Vereinigten Staaten<\/em> sind digitale Kontrollmechanismen schon st\u00e4rker verbreitet. Das wird auch zu uns \u00fcberschwappen \u2013 in Form von Monitoring Software. Anbietende Unternehmen schreiben auf ihren Websites, dass die Nachfragen in der Coronakrise stark zugenommen haben.<\/p>\n<p>Es gibt aber auch Software, die nicht fremd\u00fcberwacht, sondern zur Selbststeuerung und -regulierung eingesetzt wird. Man kann sich selbst Apps installieren, die zum Beispiel den Zugriff f\u00fcr eine gewisse Zeit auf bestimmte Ablenkungsquellen blockieren \u2013 zum Beispiel das Internet. Diese sollen Probleme des Cyber Slacking unterbinden, das hei\u00dft die willentliche Ablenkung durch das Surfen im Internet. Dazu muss man wissen, dass jeder Kontextwechsel extra Zeit kostet um wieder in die Arbeit reinzukommen. Wichtig ist hier, dass der Arbeitnehmer f\u00fcr sich selbst entscheidet, wie und wann er solche Apps nutzt, er also selbst die Kontrolle dar\u00fcber beh\u00e4lt.<\/p>\n<h3>Sind denn die technischen Voraussetzungen f\u00fcr Homeoffice schon gegeben?<\/h3>\n<p>Die technischen Voraussetzungen sind schon gegeben. Problematischer ist das durch die verst\u00e4rkte Nutzung \u00fcberlastete Internet &#8211; insbesondere durch Streaming und Video Downloads. Bei datenintensiven Anwendungen wie Videokonferenzen oder Lehrveranstaltungen kann es schon zu Engp\u00e4ssen kommen. Das Thema Sicherheit sollte man auch immer ber\u00fccksichtigen.<\/p>\n<p>Aber f\u00fcr die \u00fcblichen Interaktionen reicht die Funktionalit\u00e4t sicher aus, die Tools sind sehr nutzerfreundlich gemacht. Ich denke, man geht ins Homeoffice, weil man in Ruhe arbeiten will. Die eher interaktiven Phasen der Zusammenarbeit kann man dann im B\u00fcro nutzen. Es gibt auch eine sehr kostspielige Technologie, die ein virtuelles Erlebnis in 3D erm\u00f6glicht \u2013 vergleichbar mit einem face-to-face Meeting. Dabei hat man das Gef\u00fchl, als w\u00fcrde man selbst im Meeting sitzen. Gro\u00dfe Unternehmen nutzen das.<\/p>\n<p>Abschlie\u00dfend w\u00fcnsche ich mir ganz sicher keine weitere Zunahme der digitalen \u00dcberwachung, die \u00fcber die Hintert\u00fcr &#8216;Corona&#8217; eingef\u00fchrt werden kann. Vieles ist zwar technologisch machbar, aber in Hinblick auf m\u00f6gliche negative Auswirkungen auf die Gesellschaft nicht abzusch\u00e4tzen. Meine Hoffnung ist, dass viele die positive Seite der Dinge nutzen und nicht nach der Krise alles nachholen \u2013 und noch mehr im Hamsterrad der digitalen Beschleunigung gefangen sind.<\/p>\n<h3>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h3>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/wie-sich-covid-19-auf-die-mobilitaet-auswirken-koennte\/\">Wie sich Covid-19 auf die Mobilit\u00e4t auswirken k\u00f6nnte<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/213372-2\/\">Was Sie gegen \u00c4ngste in Krisensituationen tun k\u00f6nnen<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bis jetzt basiert Homeoffice noch weitgehend auf Vertrauen, sagt Ulrich Remus von der Universit\u00e4t Innsbruck. Aber das k\u00f6nne sich in der Coronakrise \u00e4ndern. Die Nachfrage nach Monitoring Software hat zugenommen. 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