{"id":206270,"date":"2020-01-29T14:00:25","date_gmt":"2020-01-29T13:00:25","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=206270"},"modified":"2020-01-29T14:00:25","modified_gmt":"2020-01-29T13:00:25","slug":"kuenstliche-beschneiung-kuehlt-den-boden-weit-weniger-als-angenommen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/kuenstliche-beschneiung-kuehlt-den-boden-weit-weniger-als-angenommen\/","title":{"rendered":"K\u00fcnstliche Beschneiung k\u00fchlt den Boden weit weniger als angenommen"},"content":{"rendered":"<p>2017 erschien eine Studie zur Albedo in Skigebieten. Die Forschenden kamen darin zu dem Schluss, dass die k\u00fcnstliche Beschneiung der globalen Erderw\u00e4rmung entgegenwirken k\u00f6nne. Das Ergebnis rief Kritik und gro\u00dfe Diskussionen hervor. Forschende an der <em>Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur in Wien<\/em> wiederholten die Studie mit einem komplexeren Rechenmodell und kamen zu einem anderen Ergebnis: K\u00fcnstliche Beschneiung k\u00fchlt den Boden weit weniger als angenommen.<\/p>\n<p>Der Albedo-Effekt bezeichnet die globale Erderw\u00e4rmung, die durch die Gletscherschmelze eintritt. Das Gletschereis reflektiert einen Gro\u00dfteil der Sonnenstrahlung auf die Erde. Dadurch wird der Planet k\u00fchl gehalten. Je mehr Eis jedoch schmilzt, desto mehr Strahlung wird absorbiert. Das f\u00fchrt zu einer kontinuierlich steigenden Erw\u00e4rmung des Planeten.<\/p>\n<p>Dieser Effekt ist auch bei der k\u00fcnstlichen Beschneiung gegeben, die eine durchg\u00e4ngige Schneedecke bis M\u00e4rz erm\u00f6glicht. Das ist l\u00e4nger als dies bei nat\u00fcrlichem Schnee der Fall w\u00e4re und f\u00fchrt deshalb zu einer Erh\u00f6hung der R\u00fcckstrahlung des Sonnenlichtes \u2013 der Albedo. In Folge wird weniger Sonnenenergie am Boden in W\u00e4rme umgewandelt und es kommt zu einer lokalen Abk\u00fchlung.<\/p>\n<p>Der k\u00fchlende Effekt der Albedo ist zweifellos gegeben, erkl\u00e4rt <a href=\"https:\/\/boku.ac.at\/personen\/person\/F7EF6E915A342F63\">Assoc. Prof. Dr. Herbert Formayer<\/a> vom<a href=\"https:\/\/boku.ac.at\/wau\/met\"> <em>Institut f\u00fcr Meteorologie und Klimatologie<\/em> <\/a>der <em><a href=\"https:\/\/boku.ac.at\/\">Universit\u00e4t f\u00fcr Bodenkultur<\/a> (BOKU) Wien. <\/em>Allerdings nicht in dem Ausma\u00df, wie dies die umstrittene Studie annehmen lie\u00df. Formayer leitete die aktuelle \u00dcberpr\u00fcfung der Theorie, die im Rahmen des Forschungsprogramms<a href=\"https:\/\/www.umweltbundesamt.at\/news_200124\/\"><em> StartClim<\/em> <\/a>erfolgte. Die Ergebnisse sollen eine wissenschaftlich korrekte Diskussion \u00fcber die k\u00fcnstliche Beschneiung erm\u00f6glichen. Vor allem aber flie\u00dfen sie in die <a href=\"https:\/\/www.bmnt.gv.at\/umwelt\/klimaschutz\/klimapolitik_national\/anpassungsstrategie\/strategie-kontext.html\">\u00d6<em>sterreichische Strategie zur Anpassung an den Klimawandel<\/em><\/a> ein, in der auch konkrete Handlungsempfehlungen gegeben werden.<\/p>\n<p><em>Herbert Formayer im Interview:<\/em><\/p>\n<h4>Der Tourismussektor verursacht rund 5 Prozent der globalen Treibhausgase, 4 Prozent davon sind auf das touristische Verkehrsaufkommen zur\u00fcckzuf\u00fchren und knapp 1 Prozent auf die Unterbringung und auf andere Tourismusaktivit\u00e4ten (Quelle: UNWTO 2011). Das klingt so, als w\u00e4ren die Emissionen aus der k\u00fcnstlichen Beschneiung sehr gering?<\/h4>\n<p>Das ist richtig, die k\u00fcnstliche Beschneiung hat nicht den gr\u00f6\u00dften Anteil an den CO2-Emissionen in Skigebieten. Der Kernfaktor ist die Anreise. Wenn die Urlauber mit dem Zug anreisen, statt mit dem Auto oder dem Flieger, ist schon das Wichtigste geleistet. Die CO2-Emissionen vor Ort machen nur ungef\u00e4hr ein F\u00fcnftel der gesamten CO2-Emissionen im Skitourismus aus.<\/p>\n<p>Das Problem an der k\u00fcnstlichen Beschneiung ist, dass sie sehr energie-intensiv ist. Man kann nicht genau beantworten, wie hoch der Emissionsaussto\u00df von einem Kubikmeter Schnee ist. Entscheidend ist, woher das Wasser kommt. Wenn das Wasser vom Speicherteich oben am Berg kommt, dann ist das weniger energie-intensiv, als wenn Wasser vom Tal hinaufgepumpt wird.<\/p>\n<p>Teilweise werden Speicherseen ventiliert, damit eine gleichm\u00e4\u00dfige Temperatur herrscht. Dann wird das Wasser mithilfe von Druckluft hinausgespr\u00fcht, um eine feine Verteilung zu gew\u00e4hrleisten und die Verdunstungsk\u00fchlung gegeben ist, die ann\u00e4hernd nat\u00fcrliche Schneeflocken entstehen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was auch relevant ist: Die k\u00fcnstliche Beschneiung beansprucht massive Investitionen in die Infrastruktur eines Skigebiets. Es sind bis zu einem Viertel der Gesamtinvestitionen von 600 Mio. Euro, die in die k\u00fcnstliche Beschneiung flie\u00dfen. Dabei geht es auch um einen hohen Materialeinsatz. Es werden Wasserleitungen ben\u00f6tigt und Stromleitungen, die fl\u00e4chig \u00fcber das gesamte Skigebiet verteilt sind.<\/p>\n<h4>Inwiefern wirkt sich die k\u00fcnstliche Beschneiung negativ auf das Klima aus?<\/h4>\n<p>Der negative Klimaeffekt kommt durch den Energie-Einsatz. Wenn Energie aus fossilen Rohstoffen gewonnen wird, dann werden dabei Treibhausgase verursacht. Wenn man die gesamten Abl\u00e4ufe im Skigebiet ber\u00fccksichtigt &#8211; mit dem Seilbahnbetrieb und der Anreise der G\u00e4ste, dann werden jeden Tag gewaltige Emissionen verursacht.<\/p>\n<h4>Und welche Rolle spielt dabei der Albedo-Effekt?<\/h4>\n<p>Daher dass eine Schneefl\u00e4che weniger Sonnenstrahlen aufnimmt, als etwa eine Gras- oder Erdfl\u00e4che. Eine beschneite Wiese reflektiert weniger Sonnenstrahlen als eine nicht beschneite Wiese. Deshalb f\u00fchrt die k\u00fcnstliche Beschneiung zu einem leichten Abk\u00fchlungseffekt des Bodens.<\/p>\n<h4>Warum f\u00fchrten die Ergebnisse der vorangegangenen Studie zu Kritik?<\/h4>\n<p>Die Kollegen untersuchten die Wirkung der Albedo im Vergleich zu den CO2-Emissionen, die freigesetzt werden &#8211; f\u00fcr ein Skigebiet im Zeitraum April. Dabei kamen sie kamen zu dem Ergebnis, dass der K\u00fchleffekt der Albedo st\u00e4rker ist als der Erw\u00e4rmungseffekt der Treibhausgase.<\/p>\n<p>Es gab damals Diskussionen \u2013 auch weil nicht alle CO2-Emissionen gerechnet wurden. Es wurden nur die k\u00fcnstliche Beschneiung und der Seilbahnbetrieb gerechnet und das wurde kritisiert.<\/p>\n<h4>Im aktuell ver\u00f6ffentlichten Forschungsprojekt haben Sie gemeinsam mit Meteorologen und Statistikern von der <em>BOKU Wien<\/em> eine komplexeres Modell zur Berechnung des Albedo-Effekts durch die k\u00fcnstliche Beschneiung im Skigebiet angestellt?<\/h4>\n<p>Wir haben uns angesehen, wie eine realistische Einsch\u00e4tzung der Wirkung der Albedo in Skigebieten aussieht. Wenn die nat\u00fcrliche Situation ber\u00fccksichtigt wird, dann muss man weitere Dinge mitberechnen. Einen Einfluss haben auch<\/p>\n<ul>\n<li>Abschattungseffekte;<\/li>\n<li>am Pistenrand stehende B\u00e4ume (Canyioneffekt);<\/li>\n<li>Mehrfachreflexionen an Gegenh\u00e4ngen und die damit verbundene Absorption der reflektierten Strahlung;<\/li>\n<li>die nat\u00fcrliche Schneelage;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Au\u00dferdem macht es einen gro\u00dfen Unterschied, ob man die Albedo im flachen Gel\u00e4nde oder an H\u00e4ngen untersucht;<\/p>\n<p>In der Studie zuvor wurde nur eine fixe Konstante aufgrund der Landnutzung angenommen \u2013 unabh\u00e4ngig von der Hangneigung. Das war keine explizite Strahlenmodellierung. Diese Ans\u00e4tze w\u00fcrden in flachen Regionen reichen. Aber f\u00fcr das Gebirge sind sie nicht geeignet.<\/p>\n<p>Unsere Studie ergab, dass die Kollegen den Albedo-Effekt um den Faktor sechs \u00fcbersch\u00e4tzt haben. Der K\u00fchlungseffekt ist deutlich geringer, wenn man mit komplexen Rechenmodellen arbeitet.<\/p>\n<h4>Sie haben f\u00fcr die Untersuchungen ein dreidimensionales Strahlungsmodell eingesetzt \u2013 wie k\u00f6nnen wir uns das vorstellen?<\/h4>\n<p>Wir haben das Modell am Computer simuliert, um genau zu sehen, wann die Sonne wo steht, wo die Strahlen hinkommen und wie sie sich bewegen. Unser Team hat schon \u00f6fter die Albedo in komplexen Gel\u00e4nden berechnet. Die Gebirgsalbedo ist generell geringer, weil sich die Strahlen hin- und herbewegen.<\/p>\n<h4>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h4>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"ttps:\/\/innovationorigins.com\/de\/die-kuenstliche-schneewolke-simuliert-die-physikalischen-parameter-einer-wolke-und-erzeugt-mit-geringem-umwelteffekt-naturidenten-schnee\/\">Die k\u00fcnstliche Schneewolke<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/alpine-pearls-sanfte-mobilitaet-im-urlaubsort\/\">Alpine Pearls: sanfte Mobilit\u00e4t am Urlaubsort<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/alpine-tourismusgebiete-wollen-klimaneutral-werden\/\">Alpine Tourismusgebiete wollen klimaneutral werden<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>2017 erschien eine Studie zur Albedo in Skigebieten. 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