{"id":205402,"date":"2020-01-24T14:00:13","date_gmt":"2020-01-24T13:00:13","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=205402"},"modified":"2020-01-24T14:00:13","modified_gmt":"2020-01-24T13:00:13","slug":"wie-die-sozialen-medien-das-religioese-leben-in-indonesien-beeinflussen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/wie-die-sozialen-medien-das-religioese-leben-in-indonesien-beeinflussen\/","title":{"rendered":"Wie die sozialen Medien das religi\u00f6se Leben in Indonesien beeinflussen"},"content":{"rendered":"<p>Martin Slama vom <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isa\/\"><em>Institut f\u00fcr Sozialanthropologie<\/em><\/a> (ISA) der <em><a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/\">\u00d6sterreichischen<\/a><a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/\"> Akademie der Wissenschaften<\/a><\/em> (\u00d6AW) forscht schon seit zwanzig Jahren \u00fcber den Internetgebrauch in der indonesischen Gesellschaft. In seinem j\u00fcngsten vom <em><a href=\"https:\/\/www.fwf.ac.at\/\">Wissenschaftsfonds<\/a> <\/em>(FWF) finanzierten Projekt, erforschte er den Einfluss der sozialen Medien auf das religi\u00f6se Zusammenleben \u2013 und war selbst erstaunt, wie dicht die beiden Dinge miteinander verwoben sind.<\/p>\n<p><em><a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isa\/das-institut\/mitarbeiterinnen-mitarbeiter\/mitarbeiterinnen\/slama-martin\/\">Martin Slama<\/a> im Interview:<\/em><\/p>\n<h4>Es war Indonesien, wo Sie die Auswirkungen der Digitalisierung auf den Glauben beobachtet haben. Warum in Indonesien?<\/h4>\n<p>Ich forsche schon 20 Jahre in Indonesien, zuerst \u00fcber den Internetgebrauch von indonesischen Jugendlichen und in der Folge \u00fcber die Gruppe der Indonesier\/innen arabischer Abstammung, die oft einflussreiche Positionen im indonesischen Islam einnehmen. Das Thema Islam und soziale Medien dr\u00e4ngte sich dann gewisserma\u00dfen auf, da immer mehr Indonesier\/innen begannen, die neuen Medien im religi\u00f6sen Alltag zu verwenden.<\/p>\n<h4>Sie schreiben von einem neu erwachten Interesse an Religiosit\u00e4t in Indonesien. Inwieweit wird dies durch die Digitalisierung beeinflusst beziehungsweise beg\u00fcnstigt?<\/h4>\n<p>Dieses Interesse an Religion kann durch soziale Medien verst\u00e4rkt werden, da mittlerweile ein sehr breites Angebot an islamischen Str\u00f6mungen online vorzufinden ist &#8211; oft vertreten durch Prediger\/innen oder Repr\u00e4sentant\/inn\/en islamischer Organisationen. Es kann also heute jede\/r indonesische Muslim\/in <em>ihren<\/em> Islam in den sozialen Medien finden beziehungsweise f\u00fcr sich entdecken, um sich dann damit vertieft zu besch\u00e4ftigen.<\/p>\n<h4>Warum profitieren besonders die Muslimas von den neuen M\u00f6glichkeiten der Religiosit\u00e4t durch die sozialen Medien?<\/h4>\n<p>Indonesische Muslimas, insbesondere Muslimas, die der urbanen Mittelschicht angeh\u00f6ren, sind heute oft in Gebetsgruppen organisiert, deren Mitglieder \u00fcber <em>WhatsApp<\/em> und <em>Facebook<\/em>-Gruppen miteinander verbunden sind. Diese von Frauen geleiteten Gebetsgruppen entscheiden autonom, welche Prediger beziehungsweise Predigerinnen &#8211; von denen es jedoch wenige gibt &#8211; sie zu ihren Treffen einladen. Die Prediger werden f\u00fcr ihre Predigten bezahlt. Da viele Prediger von diesen Einladungen leben, haben diese Gebetsgruppen einen Einfluss auf die religi\u00f6se \u00d6konomie in Indonesien und als Folge auch einen Einfluss darauf, was gepredigt wird.<\/p>\n<h4>Wie m\u00fcssen sich Prediger verhalten, um erfolgreich zu sein?<\/h4>\n<p>Sie m\u00fcssen einf\u00fchlsam sein und die Position ihrer Anh\u00e4ngerinnen \u2013 was bestimmte Themen betrifft \u2013 kennen. Ein Prediger, der die Polygynie (Anmerkung: Vielweiberei) propagiert, wird zum Beispiel nicht von diesen Frauengruppen eingeladen werden. Hinzu kommt, dass Frauen auch in direkten Kontakt mit den Predigern treten k\u00f6nnen. Es ist zum Beispiel nicht un\u00fcblich, einen Prediger wegen privater Probleme \u00fcber <em>WhatsApp<\/em> zu kontaktieren. Die Prediger werden dann auch nach ihren psychologischen F\u00e4higkeiten beurteilt. Islamische Autorit\u00e4t wird sozusagen dialogisch in den privaten <em>WhatsApp-<\/em>Kan\u00e4len verhandelt.<\/p>\n<h4>Die sozialen Medien werden vorwiegend von jungen Menschen genutzt. Wie ist das Alter der Nutzer von religi\u00f6sen Angeboten in den sozialen Medien?<\/h4>\n<p>In Indonesien, wie in anderen Teilen der Welt, sind es heute sicher nicht nur junge Menschen, die sich regelm\u00e4\u00dfig in sozialen Medien bewegen. Die Nutzung hat in den letzten Jahren enorm zugenommen und in den urbanen Regionen fast alle Altersgruppen erreicht.<\/p>\n<h4>Es gibt allerdings auch einen <em>Islamic Digital Divide<\/em> \u2013 wer profitiert und wer ist ausgeschlossen?<\/h4>\n<p>Genau, die regelm\u00e4\u00dfige Nutzung von sozialen Medien ist in Indonesien weniger eine Frage des Alters als des Zugangs, der \u00f6konomisch und infrastrukturell begr\u00fcndet ist. \u00c4rmere Muslime k\u00f6nnen sich vielleicht noch ein billiges Smartphone, aber keinen hohen Datenkonsum leisten. Beziehungsweise ist in entlegenen Regionen Indonesiens der Empfang ein Problem. Sie sind damit auch von den religi\u00f6sen Online-Aktivit\u00e4ten &#8211; zumindest teilweise &#8211; ausgeschlossen. Profitieren tut die Ober- und Mittelschicht, die alle religi\u00f6sen Online-Angebote konsumieren kann, und nat\u00fcrlich die Produzenten dieser Angebote, wie die oben genannten Prediger, die meist auf verschiedenen Kan\u00e4len aktiv sind.<\/p>\n<h4>Welche sozialen Medien sind es konkret, die von den religi\u00f6sen Communitys verwendet werden \u2013 und wie?<\/h4>\n<p>Mittlerweile werden alle popul\u00e4ren sozialen Medien in Indonesien auch f\u00fcr religi\u00f6se Zwecke verwendet. Sie sind wichtig f\u00fcr die Prediger-Follower Beziehungen, erm\u00f6glichen es Muslimen, ihre religi\u00f6ses Selbst zum Ausdruck zu bringen, wie etwa durch <em>Facebook<\/em>&#8211; und <em>Instagram<\/em>-Posts, und sie erleichtern das Bilden von religi\u00f6sen Gruppen.<\/p>\n<p>Meine Kollegin <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/isa\/das-institut\/mitarbeiterinnen-mitarbeiter\/mitarbeiterinnen\/lengauer-dayana\/\">Dayana Lengauer<\/a> vom <em>Institut f\u00fcr Sozialanthropologie<\/em> (ISA) der <a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/\"><em>\u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaft<\/em><\/a><a href=\"https:\/\/www.oeaw.ac.at\/\">en<\/a> (\u00d6AW) untersuchte zum Beispiel eine Gruppe, die sich <em>Pejuang Subuh<\/em> (w\u00f6rtlich <em>Morgenk\u00e4mpfer<\/em>) nennt. Deren Mitglieder treffen sich jeden Tag zum Morgengebet in der Moschee, um so ihre Fr\u00f6mmigkeit in der Gemeinschaft zu leben. Es besteht ja keinerlei Verpflichtung im Islam das Morgengebet in der Moschee zu verrichten.<\/p>\n<p>Eine weitere Projektmitarbeiterin,<a href=\"https:\/\/researchers.anu.edu.au\/researchers\/nisa-e\"> Eva Nisa<\/a> von der <a href=\"https:\/\/www.anu.edu.au\/\"><em>Australian National University<\/em><\/a>, erforschte die Gruppe <em>One Day One Juz<\/em>. Wer hier mitmacht, verpflichtet sich dazu, jeden Tag einen <em>Juz <\/em>(ein Kapitel des Koran) zu rezitieren. Die Mitglieder sind in <em>WhatsApp<\/em>-Gruppen miteinander verbunden, in denen sie den anderen melden, sobald sie das Kapitel gelesen haben.<\/p>\n<h4>Als Beispiel: Wer hat <em>One Day one Juz gegr\u00fcndet \u2013 und <\/em>wie ist der Inhalt der Social Media Accounts dieser Gruppe <em>zu deuten<\/em>?<\/h4>\n<p>F\u00fcr <a href=\"https:\/\/www.instagram.com\/onedayonejuz\/?hl=de\"><em>One Day One Juz<\/em><\/a> ist <em>WhatsApp<\/em> zentral, aber die Gruppe ist auch auf <em>Facebook<\/em>, <em>Twitter<\/em> etcetera aktiv. Dabei geht es haupts\u00e4chlich darum, das regelm\u00e4\u00dfige Rezitieren des Koran popul\u00e4r zu machen oder Tipps zu geben, wie man am besten den Tag einteilt, um Zeit f\u00fcr das Rezitieren zu finden. Wie die Gr\u00fcnder von<em> One Day One Juz<\/em>, die der jungen urbanen Mittelklasse angeh\u00f6ren, sind die Mitglieder ja meist beruflich aktiv beziehungsweise haben auch famili\u00e4re Verpflichtungen.<\/p>\n<h4>Sie haben die Studie \u00fcber teilnehmende Beobachtung und Interviews durchgef\u00fchrt. Was war der erstaunlichste Befund?<\/h4>\n<p>Allgemein gesagt: Ich rechnete nicht damit, dass Religiosit\u00e4t und der Gebrauch von sozialen Medien in Indonesien in dieser Vielfalt und Intensit\u00e4t miteinander verwoben sind. Den Islam zu praktizieren, bedeutet heute in Indonesiens urbaner Mittelschicht, ihn auch online zu leben.<\/p>\n<h4>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h4>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/ki-nicht-nur-facebook-sollte-reguliert-werden\/\">KI: Nicht nur Facebook sollte reguliert werden<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/automatische-erkennung-von-fake-news-mit-software-von-fraunhofer\/\">Automatische Erkennung von Fake News mit Software von Fraunhofer<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/so-funktioniert-innovation-der-mensch-muss-eine-art-gott-fuer-roboter-werden\/\">Wie Innovation funktioniert: \u201eDer Mensch muss eine Art Gott f\u00fcr Roboter werden\u201c.<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Martin Slama vom Institut f\u00fcr Sozialanthropologie (ISA) der \u00d6sterreichischen Akademie der Wissenschaften (\u00d6AW) forscht schon seit zwanzig Jahren \u00fcber den Internetgebrauch in der indonesischen Gesellschaft. 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