{"id":202649,"date":"2020-01-04T11:30:55","date_gmt":"2020-01-04T10:30:55","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=202649"},"modified":"2020-01-04T11:30:55","modified_gmt":"2020-01-04T10:30:55","slug":"202649-2","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/202649-2\/","title":{"rendered":"Die Philosophin Janina Loh regt einen kritischen Diskurs zu Roboterethik an"},"content":{"rendered":"<p>Eine k\u00fcnstliche Superintelligenz ist das Ziel vieler Technik-Enthusiasten und der \u00f6ffentliche Diskurs wird so gef\u00fchrt, als sei diese unausweichlich, sagt die Philosophin Janina Loh. Sie regt in ihrer wissenschaftlichen Einf\u00fchrung in die <em>Roboterethik<\/em> einen kritischen Diskurs an. In diesem soll nicht nur die Frage nach dem technisch Machbaren gestellt werden, sondern auch jene nach dem moralisch W\u00fcnschbaren.<\/p>\n<p>In der philosophischen Disziplin der Roboterethik geht es um moralische Fragen, die der Bau von und der Umgang mit Robotern aufwirft. Im englischsprachigen Raum ist diese in der akademischen Philosophie bereits etabliert. Im deutschsprachigen Raum ist Roboterethik noch keine allgemein anerkannte Disziplin. Ethik befasse sich nur mit menschlichem Handeln, so lautet ein gel\u00e4ufiges Gegenargument, das Technik als neutrales Wesen darstellt.<\/p>\n<h3>Neutralit\u00e4tsthese<\/h3>\n<p>F\u00fcr Roboterethiker z\u00e4hlt die <em>Neutralit\u00e4tsthese<\/em> &#8211; ein Begriff aus der Rechtsphilosophie &#8211; nicht. Sie sagen, dass Technik von Menschen geschaffen ist und als solches zum Ausdruck menschlicher Intentionen, Normen und Gr\u00fcnde wird. Au\u00dferdem sind alle m\u00f6glichen Wesen und Dinge von den moralischen Auswirkungen der Technik betroffen: Tiere, Pflanzen, H\u00e4user, Autos, Smartphones, Landschaften und ganze \u00d6kosysteme. Auch gab es schon vor Robotern unbelebte Dinge, denen ein Wert und mitunter sogar Rechte zugestanden wurden.<\/p>\n<h3>Objekte moralischen Handelns<\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/philosophie.univie.ac.at\/institut\/mitglieder\/mitarbeiterdetailansicht\/user\/janinas47\/inum\/1097\/backpid\/56925\/\">Janina Loh<\/a> gibt in ihrem Buch einen \u00dcberblick \u00fcber die Forschungsstand in der Roboterethik und f\u00fchrt in die zentrale Frage ein. Diese setzt sich damit auseinander, ob Roboter moralische Subjekte sind \u2013 oder lediglich Objekte moralischen Handelns. Neben dieser klassischen Unterscheidung geht sie auch auf die j\u00fcngste Denkrichtung in der Roboterethik ein: inklusive Ans\u00e4tze.<\/p>\n<p>In der Diskussion um den Roboter als Objekt moralischen Handelns wird der Roboter als Werkzeug des Menschen verstanden. Die moralische Kompetenz bleibt beim Menschen der ihn nutzt und beim Hersteller, beziehungsweise dem Recht. Der Hersteller entscheidet \u00fcber etwaige Rahmenwerte und \u2013prinzipien, die in der Programmierung vorgegeben sind und von den Nutzenden nicht ver\u00e4ndert werden k\u00f6nnen.<\/p>\n<h3>Moralische Subjekte<\/h3>\n<p>Die Diskussion um Roboter als Subjekte moralischen Handelns ist vergleichsweise klein \u2013 weil wir nur Menschen die F\u00e4higkeit zum moralischen Handeln zugestehen.<\/p>\n<h3>Forderung nach Inklusion<\/h3>\n<p>Der dritte und j\u00fcngste Ansatz entstand mit der Forderung nach Inklusion \u2013 im Sinne von postfeministischen, poststrukturalistischen, postkolonialen und kritisch-posthumanistischen Positionen. Dabei geht es um Technologien, die ein Menschenbild best\u00e4tigen, in dem Minderheiten der politische, gesellschaftliche, moralische, und rechtliche Status \u00fcber Jahrhunderte aberkannt wurde.<\/p>\n<h3>Feministische roboterethische Ans\u00e4tze<\/h3>\n<p>Ein Beispiel daf\u00fcr sind feministische roboterethische Ans\u00e4tze, in denen man davon ausgeht, dass der Sch\u00f6pfer des Roboters vorrangig westlich, wei\u00df, heterosexuell, aristotelisch und m\u00e4nnlich ist. Woraus ein tradiertes Menschenbild resultiert, in dem die Frau exkludiert oder benachteiligt wird.<\/p>\n<p>Bezeichnend f\u00fcr feministische roboterethische Positionen ist die Ablehnung des Roboters als moralisches Subjekt und der Wille manche Arten von Robotern vollst\u00e4ndig zu verbieten. <a href=\"https:\/\/www.dmu.ac.uk\/about-dmu\/academic-staff\/technology\/kathleen-richardson\/kathleen-richardson.aspx\">Kathleen Richardson<\/a>, Professorin f\u00fcr <em>Ethik und Kultur von Robotern und K\u00fcnstliche Intelligenz<\/em> an der <a href=\"https:\/\/www.dmu.ac.uk\/home.aspx\"><em>De Montfort University<\/em><\/a>, Leicester, Gro\u00dfbritannien, etwa, spricht sich generell gegen Sexroboter aus, weil mit diesen heteronormative, patriarchale und diskriminierende Strukturen best\u00e4tigt werden.<\/p>\n<h3>Das Trolley-Problem<\/h3>\n<p>Als Grundlage der Roboterethik nennt Janina Loh das Werk <a href=\"https:\/\/www.oxfordscholarship.com\/view\/10.1093\/acprof:oso\/9780195374049.001.0001\/acprof-9780195374049\"><em>Moral Machines<\/em><\/a> (2009) von <a href=\"http:\/\/wendellwallach.com\/wordpress\/\">Wendell Wallach<\/a> und <a href=\"http:\/\/colinallen.dnsalias.org\/\">Colin Allen<\/a>. Sie schlagen darin vor, einfach allen Wesen Moralf\u00e4higkeit zuzuschreiben, die moralische Entscheidungen treffen. Als Beispiel f\u00fcr eine moralische Entscheidung nennen sie Gleise, auf denen sich Menschen befinden, die der Zug zu \u00fcberrollen droht. Der Zug urteile, indem er programmiert ist, unverz\u00fcglich zu stoppen, wenn sich Menschen auf den Gleisen aufhalten. Schwieriger wird es allerdings, wenn der Zug nur ausweichen kann und entscheiden muss, ob er eine kleinere oder gr\u00f6\u00dfere Menschenansammlung auf einem der beiden Gleise \u00fcberrrollt &#8230; Das Beispiel ist als <em><a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Trolley-Problem\">Trolley-Problem<\/a><\/em> oder der <em>Weichenstellerfall<\/em> bekannt.<\/p>\n<figure id=\"attachment_202653\" aria-describedby=\"caption-attachment-202653\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-202653\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2020\/01\/1920px-Trolley_Problem.svg-600x205.png\" alt=\"Roboterethik, Roboter, moralisch, \" width=\"600\" height=\"205\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-202653\" class=\"wp-caption-text\">Trolley-Problem von Zapyon CC BY-SA 4.0, (c) https:\/\/commons.wikimedia.org\/w\/index.php?curid=67107784<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Moralische Maschine<\/h3>\n<p>Wie gelangt die Moral \u00fcberhaupt in die Maschine? Ist eine weitere Frage, die in der Roboterethik diskutiert wird. Loh bearbeitet diese Frage wieder nach Wallach und Allen. Diese unterscheiden drei Prinzipien, wenn es um die Ausstattung k\u00fcnstlicher Systeme mit Moralit\u00e4t geht: Top-down-Ans\u00e4tze, Bottom-up-Ans\u00e4tze und hybride Ans\u00e4tze.<\/p>\n<h3>Mangel an <em>gesundem Menschenverstand<\/em><\/h3>\n<p>Im Rahmen der Top-down-Ans\u00e4tze werden einem Roboter eine Reihe von Prinzipien oder Regeln einprogrammiert, wie etwa Immanuel Kants <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Kategorischer_Imperativ\"><em>Kategorischer Imperativ<\/em><\/a> oder die <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Robotergesetze\"><em>Asimov\u2019schen Robotergesetze<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Dabei ist mit zumindest zwei Schwierigkeiten zu rechnen:<\/p>\n<ul>\n<li>Die Interpretation ethischer Regeln ist kontextsensitiv. Die Programmierung bedarf jedoch einer eindeutigen Interpretation.<\/li>\n<li>Es kann ein Konflikt zwischen den einzelnen Regeln auftreten. Je konkreter die moralischen Prinzipien formuliert sind, desto eher ist das System in der Lage, einen Fall in der Praxis anzuwenden. Mit der Konkretheit steigt aber auch die Zahl der Regeln und somit die Gefahr des Regelkonflikts. Janina Lohs Res\u00fcmee: Der reine Top-Down-Ansatz hat einen Mangel an <em>gesundem Menschenverstand<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n<h3>Mangelnde Kreativit\u00e4t<\/h3>\n<p>Bei Bottom-up-Ans\u00e4tzen werden keine moralischen Regeln vorgegeben, sondern basale Kompetenzen implementiert. Roboter entwickeln durch verschiedene Formen des Lernens moralisches Verhalten. Dabei unterscheidet man zwischen Evolutionsmodellen und Modellen menschlicher Sozialisation.<\/p>\n<p>Bei Modelle menschlicher Sozialisation wird in zwei Formen von Mitgef\u00fchl differenziert:<\/p>\n<ul>\n<li><em>Perzeptuelle Empathie<\/em> ist bereits dann gegeben, wenn das Beobachten einer Emotion eine vergleichbare Reaktion beim Gegen\u00fcber ausl\u00f6st.<\/li>\n<li><em>Imaginative Empathie<\/em> erfordert einen Perspektivenwechsel in Form von <em>sich in das Gegen\u00fcber hineinversetzen<\/em>.<\/li>\n<\/ul>\n<p>Einige Denkerinnen stehen besonders den Bottom-up-Ans\u00e4tzen kritisch gegen\u00fcber. Die potenzielle Lernf\u00e4higkeit kann zu Kontrollverlust f\u00fchren. <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Hubert_Dreyfus%27s_views_on_artificial_intelligence\">Hubert Dreyfus<\/a> sieht das Problem der K\u00fcnstlichen Intelligenz in der mangelnden Kreativit\u00e4t der Maschinen. Hingegen seien diese hervorragend f\u00fcr das Rechnen von komplexen Rechenvorg\u00e4ngen geeignet. Dreyfus ist Autor des Buches <em>What computers can&#8217;t do.<\/em><\/p>\n<h3>Moralische Verantwortlichkeit ausmachen<\/h3>\n<p>Im Hauptteil ihres Buchs widmet sich Janina Loh der neuen Verantwortung, die mit menschen\u00e4hnlich agierenden Robotern auf Gesellschaft, Politik und Gesetzgebung zukommt. Dabei unterscheidet sie zwischen exklusiven und inklusiven roboterethischen Ans\u00e4tzen, die nicht ganz konfliktfrei sind. So gehen Vertreter exklusiver Ans\u00e4tze davon aus, dass es die mit den Robotern befassten Menschen sind, welche die Verantwortung tragen sollen. Gegebenenfalls sehen sie die Verantwortung auch klar im Roboter als moralisch handelndes Subjekt.<\/p>\n<p>Vertreter inklusiver roboterethischer Ans\u00e4tze haben ein anderes Objekt- und Subjektverst\u00e4ndnis. Sie gehen nicht davon aus, dass Menschen jemals vollst\u00e4ndig Kontrolle \u00fcber Natur und Kultur sowie Menschen und Nichtmenschen erlangen k\u00f6nnen. Vielmehr haben sie den Anspruch, konstruktive Strategien zu finden, um mit den Unsicherheiten umzugehen, Verantwortlichkeiten auszumachen und Rechenschaftspflicht in komplexen Sachverhalten zu schaffen. Aber auch sie lassen nicht vollst\u00e4ndig vom Roboter als Subjekt moralischen Handelns &#8230;<\/p>\n<p>In ihrem Schlusswort pl\u00e4diert die Wisssenschafterin f\u00fcr die Er\u00f6ffnung eines kritischen Diskurses und die \u00d6ffnung f\u00fcr inklusive Modelle. Voraussetzung daf\u00fcr sei eine Politik, die ein Bildungssystem errichtet, in dem Roboterethik einen festen Platz hat.<\/p>\n<p>Janina Loh ist Universit\u00e4tsassistentin im Bereich <a href=\"https:\/\/philosophie.univie.ac.at\/forschung\/medien-und-technikphilosophie\/\"><em>Technik- und Medienphilosophie<\/em><\/a> an der <a href=\"https:\/\/www.univie.ac.at\/\">Universit\u00e4t Wien<\/a>.<\/p>\n<p><strong>Originalpublikation:<\/strong><\/p>\n<p>Loh, Janina (2019): Roboterethik \u2013 eine Einf\u00fchrung. Berlin: Suhrkamp Verlag.<\/p>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/so-funktioniert-innovation-der-mensch-muss-eine-art-gott-fuer-roboter-werden\/\">Wie Innovation funktioniert: \u201eDer Mensch muss eine Art Gott f\u00fcr Roboter werden\u201c<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/sami-haddadin-sieht-im-roboter-den-gehilfen-des-menschen\/\">Sami Haddadin sieht im Roboter den Gehilfen des Menschen<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/ueber-das-zusammenleben-mit-buddy-dem-gefaehrtenroboter\/\">\u00dcber das Zusammenleben mit Buddy, dem Gef\u00e4hrtenroboter<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/tu-muenchen-menschwerdung-des-roboters-h-1\/\">TU M\u00fcnchen: Menschwerdung des Roboters H-1<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Eine k\u00fcnstliche Superintelligenz ist das Ziel vieler Technik-Enthusiasten und der \u00f6ffentliche Diskurs wird so gef\u00fchrt, als sei diese unausweichlich, sagt die Philosophin Janina Loh. 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