{"id":195163,"date":"2019-11-10T08:00:09","date_gmt":"2019-11-10T07:00:09","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=195163"},"modified":"2019-11-10T08:00:09","modified_gmt":"2019-11-10T07:00:09","slug":"was-macht-einen-popmusik-klassiker-zu-eben-einen-solchen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/was-macht-einen-popmusik-klassiker-zu-eben-einen-solchen\/","title":{"rendered":"Was macht einen Popmusik-Klassiker zu eben einen solchen?"},"content":{"rendered":"<p>Sie wollten schon immer mal eine Popmusik-Klassiker schreiben? Dann d\u00fcrften Sie sich \u00fcber die neuesten Forschungsergebnisse des Leipziger <a href=\"https:\/\/www.cbs.mpg.de\/de\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Max-Planck-Instituts f\u00fcr Kognitions- und Neurowissenschaften<\/a> freuen. Denn die Wissenschaftler rund um Prof. Dr. Stefan K\u00f6lsch und Doktorand Vincent Ka Ming Cheung haben einen Teil der Erfolgs-DNA von Musik entschl\u00fcsselt. Lieder wie James Taylors &#8220;Country Roads&#8221;, UB40s &#8220;Red, Red Wine&#8221; oder The Beatles&#8217; &#8220;Ob-La-Di, Ob-La-Da&#8221; sind dank ihrer perfekten Kombination aus Unsicherheit und \u00dcberraschung einfach unwiderstehlich. Denn der Musikgenuss h\u00e4ngt offensichtlich von zuk\u00fcnftigen und r\u00fcckblickenden Erwartungszust\u00e4nden ab.<\/p>\n<p style=\"text-align: center\"><em><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/?s=musik\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Weitere IO-Artikel zur Musikforschung<\/a><\/em><\/p>\n<p>\u201eEs ist faszinierend, dass bei Menschen Freude an einem Musikst\u00fcck entsteht, nur durch die Art und Weise, wie die Akkorde in der Musik \u00fcber die Zeitdauer hinweg angeordnet werden&#8221;, ist Vincent Cheung von den Ergebnissen begeistert. \u201eSongs, die wir als angenehm empfinden, sind wahrscheinlich diejenigen, die eine gute Balance erreichen zwischen unserem Wissen, was als n\u00e4chstes passieren wird, und der \u00dcberraschung mit etwas, das wir nicht erwartet haben.\u201c Der Neurowissenschaftler erg\u00e4nzt:<\/p>\n<blockquote><p>Zu verstehen, wie Musik unser Genusssystem im Gehirn aktiviert, k\u00f6nnte erkl\u00e4ren, warum wir uns oft durch das H\u00f6ren von Musik besser f\u00fchlen, auch wenn wir gerade melancholisch sind.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h3>Hirnbildgebung und maschinelles Lernen<\/h3>\n<p>F\u00fcr Ihre Forschungen analysierten die Experten mit Hilfe eines maschinellen Lernmodells insgesamt 80.000 Akkorde aus 745 klassischen US-Billboard-Pop-Songs. Dieses half dabei, Unsicherheit und \u00dcberraschung mathematisch zu quantifizieren. Und ist einer der Punkte, der diese Studie von bisherigen unterscheidet. Bislang seien die Reaktionen auf \u00fcberraschende musikalische Ereignisse nur ber\u00fccksichtigt worden , wenn das musikalische Ereignis tats\u00e4chlich zu h\u00f6ren war, erkl\u00e4rt Cheung. Er und seine Kollegen ber\u00fccksichtigten hingegen auch die Unsicherheit einer vorhergehenden Erwartung.<\/p>\n<p>Wir alle kennen es: Den ersten Takt eines Musikst\u00fcckes geh\u00f6rt und schon erkennen wir den Song. Um dies zu vermeiden, so Cheung, befreiten die Forschenden die Lieder von Elementen wie Text, Melodie und Rhythmus. Sie behielten nur die Akkordfolgen der urspr\u00fcnglichen Popsongs bei. Somit waren die Chart-Hits von den Probanden nicht mehr zu erkennen.<\/p>\n<p>Cheung erkl\u00e4rt uns die Besonderheit der Forschungsarbeit:<\/p>\n<blockquote><p>Unsere Studie kombiniert Hirnbildgebung und maschinelles Lernen, um herauszufinden, wie die Erwartung an die Musik Freude an der Musik bereitet und, um die direkt zugrundeliegenden, neuronalen Netzwerke aufzuzeigen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<h3>Richtiger Mix aus \u00dcberraschung und Bekanntheit<\/h3>\n<p>Das Ergebnis: Waren sich die Probanden relativ sicher, welche Akkorde als n\u00e4chstes zu erwarten waren, empfanden sie es interessanterweise als angenehm, wenn sie stattdessen \u00fcberrascht wurden &#8211; ihre Erwartungen also verletzt wurden. Umgekehrt wiesen die Forschenden auch nach, sofern sich die Testpersonen unsicher waren, was sie als n\u00e4chstes erwartete, fanden sie es angenehm, wenn nachfolgende Akkorde nicht \u00fcberraschend, sondern bekannt waren.<\/p>\n<blockquote><p>Obwohl Komponisten es seit Jahrhunderten intuitiv wissen, war der zugrundeliegende Prozess, wie die Erwartung in der Musik Freude hervorruft, noch unbekannt&#8221;, best\u00e4tigt K\u00f6lsch. \u201eDenn die meisten Studien haben in der Vergangenheit nur die Auswirkungen von \u00dcberraschung auf das musikalische Vergn\u00fcgen betrachtetet, nicht aber die Unsicherheit der Vorhersagen der H\u00f6rer.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Die Wissenschaftler nutzten f\u00fcr ihre Arbeit Hirnbilder aus der funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRI). Mit diesen fanden sie zudem heraus, dass sich die Erfahrung des Musikgenusses \u2012 wie vermutet \u2012 in drei Gehirnregionen widerspiegelt: der Amygdala (\u201eMandelkern\u201c zur Verarbeitung externer Impulse), dem Hippocampus (\u201eSeepferdchen\u201c zur Steuerung von Affekten und Ged\u00e4chtnis) und dem auditorischen Kortex (H\u00f6rzentrum). Diese Regionen verarbeiten Emotionen, Lernen und Ged\u00e4chtnis sowie Klang. Im Gegensatz dazu \u2012 und v\u00f6llig \u00fcberraschend f\u00fcr die Forschenden \u2012, spiegelte die Aktivit\u00e4t im sogenannten Nucleus accumbens, hier wird die Erwartung von Belohnung verarbeitet, nur die Unsicherheit der Zuh\u00f6rer wider. Bisher dachte man, dass dieser Teil des Gehirns (mit seiner Bedeutung f\u00fcr das menschliche Belohnungssystem) auch eine Rolle bei der Verarbeitung von Musikgenuss spielt. Laut Cheung werden weitere Forschungen zeigen m\u00fcssen, wie die Prozesse aus diesen Regionen genau zusammenkommen, um Freude an der Musik zu erzeugen.<\/p>\n<h3>Ergebnisse eventuell adaptierbar auf Tanz und Film<\/h3>\n<p>Das Ergebnis der Forscher zeigt zusammenfassend auf, dass das Gef\u00fchl des Vergn\u00fcgens die Gehirnregionen betrifft, die Ger\u00e4usche, Emotionen und Erinnerungen verarbeiten und, dass<\/p>\n<p>\u201e\u2026musikalisches Vergn\u00fcgen vom dynamischen Zusammenspiel zwischen prospektiven und retrospektiven Erwartungszust\u00e4nden abh\u00e4ngt. Unsere menschliche grundlegende F\u00e4higkeit zur Vorhersage ist daher ein wichtiger Mechanismus, durch den abstrakte Klangsequenzen eine affektive Bedeutung erlangen und sich in ein universelles kulturelles Ph\u00e4nomen verwandeln, das wir \u201aMusik\u2018 nennen,\u201c hei\u00dft es in der Pressemitteilung.<\/p>\n<p>Eine entsprechend wichtige Annahme der Studie ist, dass die Erwartungen der Menschen an Akkorde implizit durch das Leben erworben werden, wie Cheung auf unsere Nachfrage nach unterschiedlichem Musikgeschmack beispielsweise von Kindern und Jugendlichen oder auch der \u00e4lteren Generation, erkl\u00e4rt. Somit pr\u00e4gen unsere bisherigen Erfahrungen in der Musik \u2012 z.B. durch Radioh\u00f6ren oder Beschallung in Bars und Restaurants \u2012 unsere Erwartungen. Auch diese k\u00f6nnen sich also auf die Art der Musik auswirken, die wir genie\u00dfen.<\/p>\n<p>Basierend auf ihren Erkenntnissen ermuntern die Studienautoren, dass die zuk\u00fcnftige Hirnforschung die kombinierten Rollen von Unsicherheit und \u00dcberraschung st\u00e4rker ber\u00fccksichtigen sollte. Somit k\u00f6nnte man zum Beispiel herausfinden, warum andere Kunstformen wie Tanz und Film eine so hohe Wertigkeit f\u00fcr den Menschen haben. Die Ergebnisse k\u00f6nnten auch zur Verbesserung k\u00fcnstlicher Algorithmen beitragen, die Musik erzeugen, sowie zur Unterst\u00fctzung von Komponisten beim Schreiben von Musik oder zur Vorhersage musikalischer Trends eingesetzt werden.<\/p>\n<h3>Ergebnisse k\u00f6nnten Kompositionen erleichtern, aber nicht ersetzen<\/h3>\n<p>Der n\u00e4chste Schritt f\u00fcr die Neurowissenschaftler selbst besteht nun darin, zu untersuchen, wie Informationen beim Musikh\u00f6ren im Laufe der Zeit \u00fcber verschiedene Teile des Gehirns flie\u00dfen. Sie wollen wissen, warum und wie es passiert, dass Menschen, die Musik h\u00f6ren, manchmal eine G\u00e4nsehaut bekommen. Dazu Cheung:<\/p>\n<blockquote><p>Wir denken, dass es ein gro\u00dfes Potenzial in der Kombination von Computermodellierung und Hirnbildgebung gibt, um nicht nur zu verstehen, warum wir Musik genie\u00dfen, sondern auch, was es bedeutet, Mensch zu sein.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Und auf die Frage, ob es demn\u00e4chst eine Kompositionsbaukasten f\u00fcr Songs geben k\u00f6nnte, prognostiziert Cheung zumindest folgendes Szenario:<\/p>\n<blockquote><p>Unsere Ergebnisse k\u00f6nnten verwendet werden, um k\u00fcnstliche Algorithmen zur Musikgenerierung zu verbessern oder die Komposition zu erleichtern.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Aber offensichtlich nicht ersetzen, denn schlie\u00dflich geh\u00f6rt zu einem perfekten Lied dann doch der Text, die Melodie und ein mitrei\u00dfender Rhythmus.<\/p>\n<p>Die Studie wurde k\u00fcrzlich in der Fachzeitschrift <a href=\"https:\/\/www.cell.com\/current-biology\/fulltext\/S0960-9822(19)31258-8\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Current Biology<\/a>\u00a0ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Sie wollten schon immer mal eine Popmusik-Klassiker schreiben? 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