{"id":190222,"date":"2019-10-10T16:23:47","date_gmt":"2019-10-10T14:23:47","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=190222"},"modified":"2019-10-10T16:23:47","modified_gmt":"2019-10-10T14:23:47","slug":"tierversuchsfreie-medizinische-forschung-braucht-eine-klare-gesetzgebung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/tierversuchsfreie-medizinische-forschung-braucht-eine-klare-gesetzgebung\/","title":{"rendered":"Tierversuchsfreie medizinische Forschung braucht eine klare Gesetzgebung"},"content":{"rendered":"<p>Die medizinische Forschung hat eine lange Tradition in Tierversuchen. Neben dem ethischen Problem entbehren Tierversuche aber auch der Zuverl\u00e4ssigkeit. M\u00e4use reagieren nicht immer genauso wie Menschen auf Krankheiten und Wirkstoffe. So ist etwa Schokolade f\u00fcr Hunde giftig, erkl\u00e4rt Projektassistent <a href=\"https:\/\/tiss.tuwien.ac.at\/adressbuch\/adressbuch\/person_via_oid\/17099413\">Mario Rothbauer<\/a> von der <a href=\"https:\/\/www.ias.tuwien.ac.at\/research-units\/organic-biological-chemistry\/pe\/research-projects\/organ-on-a-chip-technologies\/\"><em>Cellchip Group<\/em><\/a> an der TU Wien. Au\u00dferdem sind Tierversuche kaum exakt reproduzierbar. Kleine Ver\u00e4nderungen in der Haltung und der Behandlung der Tiere k\u00f6nnen gro\u00dfe Auswirkungen auf die Endergebnisse haben.<\/p>\n<p>Das Team um Rothbauer strebt eine alternative, tierversuchsfreie medizinische Forschung an. Die Methode basiert auf der Simulation von menschlichen Organen unter kontrollierten Bedingungen im Biochip. In diesen sogenannten <em>organ-on-a-chip<\/em> Systemen sind Daten zu erheben, die man bei einem Versuchstier gar nicht messen k\u00f6nnte. Zudem ist dieser Ansatz besser kontrollierbar und zuverl\u00e4ssig.<\/p>\n<h3>Tierversuchsfreie medizinische Forschung<\/h3>\n<p>Im Biochip werden Gewebetypen eingebracht, die f\u00fcr eine bestimmte medizinische Fragestellung relevant sind. Im Fall von Arthritis kann zum Beispiel wucherndes Gewebe aus dem Gelenk entnommen und zur Simulation im Biochip angewendet werden. Wenige Quadratmillimeter Gewebe reichen aus. Auf diese Weise k\u00f6nnen Therapien pr\u00e4zise auf Patienten abgestimmt werden und soll eine neue Form von Pr\u00e4zisionsmedizin entstehen.<\/p>\n<p>Rothbauer und seine Kollegen m\u00f6chten nicht nur ethische und pr\u00e4zisere Alternativen zu Tierversuchen bieten. Sie wollen vollkommen auf Substanzen verzichten, die aus tierischen Produkten gewonnen wurden. F\u00fcr Rothbauer ist die Entscheidung f\u00fcr die tierversuchsfreie Medizin eine Entscheidung, wie man mit Ressourcen umgeht \u2013 und ob man f\u00fcr oder gegen Tierleid ist. Zudem sieht er darin auch einen kulturellen Wandel. Zitat: \u201eNormen \u00e4ndern sich, wenn sich Gesellschaften \u00e4ndern.\u201c<\/p>\n<p>Sein Projekt <a href=\"https:\/\/www.aerzte-gegen-tierversuche.de\/de\/projekte\/wissenschaftspreise\/2822-herbert-stiller-foerderpreis-2019\"><em>3D-Synovium-on-a-chip als Krankheitsmodell f\u00fcr rheumatoide Arthritis<\/em><\/a> wurde jetzt vom Verein <a href=\"https:\/\/www.aerzte-gegen-tierversuche.de\/de\/\"><em>\u00c4rzte gegen Tierversuche<\/em><\/a> mit einem <a href=\"https:\/\/www.aerzte-gegen-tierversuche.de\/de\/projekte\/wissenschaftspreise\/2822-herbert-stiller-foerderpreis-2019\"><em>Herbert-Stiller-F\u00f6rderpreis<\/em> <\/a>ausgezeichnet. Der Preis ist mit 20.000 Euro dotiert.<\/p>\n<p><em>Mario Rothbauer im Interview:<\/em><\/p>\n<h4>In der Medizin sind Tierversuche noch Standard. Die Kosmetik-Entwicklung kommt bereits ohne Tierversuche aus. Wie k\u00f6nnen wir das verstehen?<\/h4>\n<p>Man muss die Problematik etwas differenzierter betrachten: Die Industrie richtet sich immer nach dem derzeitig g\u00fcltigen Recht und den daraus abzuleitenden Anforderungen. Wenn Tierversuche gesetzlich vorgeschrieben sind, werden diese weiterhin auch durchgef\u00fchrt. Das ist ein ganz einfaches Prinzip.<\/p>\n<p>In der Kosmetikindustrie ist die Gesetzeslage anders als in der Medizin: In den <em>Vereinigten Staaten<\/em> sind Tierversuche f\u00fcr Kosmetika grunds\u00e4tzlich nicht gesetzlich vorgeschrieben. Die <em>Europ\u00e4ische Union<\/em> hat Tierversuche f\u00fcr die Kosmetikindustrie 2013 gebannt.<\/p>\n<p>Auch in der Medizin zeichnen sich \u00c4nderungen ab: Die EU hat hohe Summen in das Projekt <a href=\"https:\/\/www.health-eu.eu\/resources\/Manifesto_HealthEU_19Dec18.pdf\"><em>Human Avatar<\/em><\/a> investiert und m\u00f6chte damit einen Paradigmenwechsel zu einem nachhaltigen Gesundheitssystem einleiten. Aber wir stehen noch ganz am Anfang dieser Entwicklung.<\/p>\n<h4>Wie ist der Status Quo in der tierversuchsfreien medizinischen Forschung?<\/h4>\n<p>Die Situation in der tierversuchsfreien Medizin ist kompliziert. In der akademischen Grundlagenforschung wird noch sehr viel am Tiermodell gearbeitet und in der Medikamentenzulassung sind Tierversuche noch unerl\u00e4sslich, weil sie vorgeschrieben sind.<\/p>\n<p>Der Bann von Tierversuchen in der Kosmetikindustrie war der erste Schritt in die richtige Richtung. Es handelt sich dabei erstmals um ein Verbot und kein Gebot. In \u00d6sterreich ist ein Tierversuch dann nicht mehr erlaubt, wenn es eine Alternative dazu gibt. Aber bis jetzt wurde noch kein Tierversuch abgelehnt &#8211; trotz der Entwicklung alternativer Modelle. Es braucht eine klare Gesetzgebung.<\/p>\n<h4>Was sind die noch un\u00fcberwindbaren Probleme?<\/h4>\n<p>In der medizinischen Forschung sind Tierversuche ausgesprochen beliebt. Wenn man mit tierversuchsfreier Forschung kommt, ist man zun\u00e4chst gro\u00dfer Kritik ausgesetzt. Die meisten medizinischen Universit\u00e4ten verf\u00fcgen \u00fcber Tierversuchsstallungen und nutzen diese auch f\u00fcr die Grundlagenforschung.<\/p>\n<p>Solange sich die Gesetze in den einzelnen L\u00e4ndern nicht \u00e4ndern, wird auch die Industrie nichts \u00e4ndern. Tierversuchsfreie Alternativen werden lediglich in Evidenz gehalten &#8211; f\u00fcr den potenziellen Stichtag in ferner Zukunft, an dem ein Verbot in Kraft tritt. Hier ist die Politik gefordert und wir alle wissen, dass politische Prozesse sehr tr\u00e4ge sind.<\/p>\n<p>Ein weiterer Aspekt ist der akademische Publikationsdruck. Publikationen sind die W\u00e4hrung und notwendig, um an Drittmittel zu kommen. F\u00fcr eine optimale Karriereentwicklung muss Erfolg messbar sein. Obwohl schon seit Jahrzehnten kritisiert, ist der g\u00e4ngigste Messparameter f\u00fcr die Qualit\u00e4t von Forschung immer noch der <em>journal<\/em> <em>impact factor<\/em>. Das ist eine errechnete Zahl, deren H\u00f6he den Einfluss einer wissenschaftlichen Fachzeitschrift wiedergibt. In den einflussreichsten Zeitschriften wie <em>Nature<\/em> sind Daten und Studien basierend auf Tierversuchen gern gesehen. Viele gleichwertige Journale verlangen bei in vitro Modellen sogar den Vergleich zu in vivo.<\/p>\n<h4>Wie unterscheidet sich Ihr Projekt von jenen anderer?<\/h4>\n<p>Unser Projekt hat die Anforderung tierversuchsfrei zu sein &#8211; sowohl das Modell selbst als auch alle Analysen, die das Modell betreffen. Das ist gar nicht so einfach, da Seren zum Blocken, Kollagene als Bausubstanz oder Antik\u00f6rper zum Visualisieren meistens tierischen Ursprung haben. Wir werden in unserem Projekt aber definitiv auf solche Substanzen verzichten. Das stellt mitunter eine gro\u00dfe Herausforderung dar. Gl\u00fccklicherweise gibt es hier tolle k\u00fcnstliche Alternativen beziehungsweise Substanzen, die man aus menschlichem Blut gewinnen kann.<\/p>\n<h4>Welche Probleme l\u00f6st ihr Projekt &#8211; und welche Probleme m\u00fcssen Sie noch l\u00f6sen, um dahin zu kommen?<\/h4>\n<p>Wir entwickeln ein menschliches Modell als Alternative zu einem Tierversuch. Mehr als das verzichten wir auch auf alle anderen tierischen Bestandteile, die in medizinischen Versuchen zur Anwendung kommen. Damit tragen wir wesentlich dazu bei, <em>organ-on-a-chip<\/em> Systeme relevanter f\u00fcr menschliche Krankheiten zu machen. Schlie\u00dflich haben Menschen kein K\u00e4lberserum im Blut oder M\u00e4usewachstumsfaktoren in unserem Gewebe.<\/p>\n<p>Eigentlich arbeiten wir mit biologischem M\u00fcll. Wenn am menschlichen Gelenk Gewebe entnommen wird, dann wird das entsorgt \u2013 oder wir verwenden es. Es ist wichtig, mit den vorhandenen Ressourcen m\u00f6glichst sorgsam umzugehen.<\/p>\n<h4>Sie sagen, zumindest in manchen Bereichen k\u00f6nnte medizinische Forschung ohne Tierversuche m\u00f6glich sein.\u00a0 Wovon ist dies abh\u00e4ngig?<\/h4>\n<p>Das h\u00e4ngt davon ab, inwieweit Gesetzgeber und Industrie bereit sind, relevante Summen in die Entwicklung von Alternativen zu Tiermodellen zu investieren.<\/p>\n<p>Ein weiterer wichtiger Faktor w\u00e4re aber auch ein Update der Lehre. Universit\u00e4tsabsolventen m\u00fcssen \u00fcber die Alternativen zu Tierversuchen im Detail informiert sein. Ich w\u00fcnsche mir ein verpflichtendes Lehrangebot f\u00fcr Studenten aller relevanten Studienzweige &#8211; besonders aber an den Medizin- und Life Science-Universit\u00e4ten in \u00d6sterreich.<\/p>\n<p>Die <a href=\"https:\/\/www.tuwien.at\/\">Technische Universit\u00e4t Wien<\/a> hat diesem Thema mit f\u00fcnf freiwillig zu absolvierenden Lehrveranstaltungen einen wichtigen Schwerpunkt in der Lehre gewidmet. Das ist \u00f6sterreichweit aber leider noch einzigartig. Bislang werden an den Universit\u00e4ten nur die Vorteile von Tiermodellen und die Unzul\u00e4nglichkeiten \u00fcberholter Alternativen wie zwei-dimensionaler Zellkulturen gelehrt. So ist es weiter nicht verwunderlich, wenn sich in den K\u00f6pfen der k\u00fcnftigen geistigen gesellschaftlichen Elite wenig \u00e4ndert.<\/p>\n<h4>Es gibt auch Zweifel an der tierversuchsfreien Forschung. Man sagt, Zellkulturen und Computermodelle k\u00f6nnen Tierversuche nicht ersetzen, da diese komplexe biologische Prozesse nur unzureichend nachbilden. Wie stehen Sie dazu?<\/h4>\n<p>Wichtig ist es, vorab zu definieren, wie komplex ein Modell sein muss, um eine bestimmte medizinische Fragestellung zu beantworten. In der tierversuchsfreien Forschung k\u00f6nnen wir viel \u00fcber Krankheiten aus entnommenem Patientengewebe lernen. Die Erkenntnisse aus dem Patienten k\u00f6nnen wir direkt auf das Alternativmodell anwenden. Ist zum Beispiel die Kombination von drei Zelltypen nicht ausreichend, um f\u00fcr eine bestimmte Fragestellung relevant zu sein, k\u00f6nnen wir so lange verschiedenste funktionale Zelltypen hinzuf\u00fcgen, bis das System komplex genug ist, um die Fragestellung zu beantworten. Es wird definitiv bei jeder Fragestellung und Krankheit notwendig sein, das Alternativ-System um die kritischen funktionalen Zelltypen und biochemischen Prozesse zu erweitern, bis es den biologischen Prozess ausreichend nachbildet.<\/p>\n<h4>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h4>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/skin-on-a-chip-forschung-tierversuche\/\">Skin On A Chip \u2013 Forschung ohne Tierversuche<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die medizinische Forschung hat eine lange Tradition in Tierversuchen. Neben dem ethischen Problem entbehren Tierversuche aber auch der Zuverl\u00e4ssigkeit. M\u00e4use reagieren nicht immer genauso wie Menschen auf Krankheiten und Wirkstoffe. So ist etwa Schokolade f\u00fcr Hunde giftig, erkl\u00e4rt Projektassistent Mario Rothbauer von der Cellchip Group an der TU Wien. Au\u00dferdem sind Tierversuche kaum exakt reproduzierbar. 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