{"id":180419,"date":"2019-08-08T14:00:43","date_gmt":"2019-08-08T12:00:43","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=180419"},"modified":"2019-08-08T14:00:43","modified_gmt":"2019-08-08T12:00:43","slug":"eine-sensibilitaet-fuer-altersdiskriminierung-schaffen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/eine-sensibilitaet-fuer-altersdiskriminierung-schaffen\/","title":{"rendered":"Eine Sensibilit\u00e4t f\u00fcr Altersdiskriminierung schaffen"},"content":{"rendered":"<p>Die Vorstellungen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten im Alter sind kulturell eingeschrieben, sagt die Amerikanistin und Kulturwissenschafterin Ulla Kriebernegg. Sie moniert die vorwiegend negativen Altersbilder und fordert neue Narrative, die ein gutes Altern f\u00fcr die gesamte Gesellschaft erm\u00f6glichen.<\/p>\n<p>Assoz. Prof. Mag. Dr. phil. <a href=\"https:\/\/online.uni-graz.at\/kfu_online\/visitenkarte.show_vcard?pPersonenId=F934EF32EF8DC7CA&amp;pPersonenGruppe=3\">Ulla Kriebernegg<\/a> ist stellvertretende Vorsitzende des <a href=\"http:\/\/www.agingstudies.eu\/\"><em>European Network in Aging Studies<\/em><\/a> und Gr\u00fcnderin der multi- und interdisziplin\u00e4ren <a href=\"https:\/\/ageandcare.uni-graz.at\/en\/research\/\"><em>Age and Care Research Group<\/em><\/a> an der Universit\u00e4t Graz. Gemeinsam mit anderen Forschenden will sie ein Bewusstsein f\u00fcr Altersdiskriminierung schaffen und auf die Individualit\u00e4t und Vielfalt der Alterserfahrung hinweisen. Dabei orientiert sie sich am Begriff <em>comfortable aging<\/em>, den die amerikanische Wissenschafterin <a href=\"https:\/\/en.wikipedia.org\/wiki\/Margaret_Cruikshank\">Margaret Cruikshank<\/a> pr\u00e4gte. Dieser steht f\u00fcr ein Altern nach den eigenen Bed\u00fcrfnissen und M\u00f6glichkeiten und bezieht die Verletzlichkeit ein. Im Vergleich dazu suggeriert der Begriff <em>successful aging<\/em> Leistungsdruck und Wettbewerb. Als Amerikanistin und Kulturwissenschafterin n\u00e4hert sich Kriebernegg dem Thema aus der Perspektive von Literatur, Film und Kunst. Die Wissenschafterin im Interview:<\/p>\n<figure id=\"attachment_180420\" aria-describedby=\"caption-attachment-180420\" style=\"width: 400px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-180420 size-medium\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/08\/Kriebernegg-Ulla-c-Furgler-400x600.jpg\" alt=\"\" width=\"400\" height=\"600\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-180420\" class=\"wp-caption-text\">Ulla Kriebernegg (c) Furgler<\/figcaption><\/figure>\n<h4>Sie stellen in ihrem Forschungsschwerpunkt die Frage <em>Was hei\u00dft hier alte Schachtel?<\/em> Ist das nicht schon ein Sprachbild, das auf den Umgang mit Alternden hinweist?<\/h4>\n<p>Ja, genau, ich beziehe mich damit auf eine Kampagne, die wir vor einigen Jahren mit der Stadt Graz durchgef\u00fchrt haben. Dabei bildeten wir durchschnittliche Frauen im Alter von sechzig bis siebzig Jahren \u00fcbergro\u00df auf Plakaten ab. Die Frauen wiesen auf ihren Lebensverlauf hin, in dem sie Freude und Trauer ausgehalten haben. An diese Frage m\u00f6chte ich wieder ankn\u00fcpfen. Alte Schachtel ist ein abwertender Begriff, den es f\u00fcr M\u00e4nner so nicht gibt. Frauen werden im Alter sicher st\u00e4rker diskriminiert als M\u00e4nner.<\/p>\n<h4>Liegt es nicht an der hartn\u00e4ckigen Verfolgung von Klischees, wie sie eher in der Werbung vermutet werden w\u00fcrden, dass die Kulturindustrie in diesem Punkt so unbeweglich ist?<\/h4>\n<p>Werbung ist Teil der Kulturindustrie \u2013 und Kulturindustrie ist Teil eines wirkm\u00e4chtigen Diskurses. Filme haben eine andere Funktion als Werbung, sie k\u00f6nnen gesellschaftliche Vorurteile radikalisieren, wollen provozieren und zum Nachdenken anregen. Anders als in der Werbung kann man sich mit der Figur, wie etwa einer alten Frau, identifizieren. So komme ich anders zum Nachdenken, kann etwas erfahren, was ich sonst nicht k\u00f6nnte. Ich kann die \u00c4ngste der Figur ausstehen und dadurch ein Einf\u00fchlungsverm\u00f6gen entwickeln, das es in der Werbung nicht gibt. Ein Beispiel ist der Film <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Liebe_(2012)\"><em>Amour<\/em><\/a> (Anm.: 2012) von Michael Haneke, in dem ein Mann seine demente Frau ermordet. Das zeigt die \u00dcberforderung und treibt sie auf die Spitze. Wie kann es dazu kommen? Weil ihn die Gesellschaft allein l\u00e4sst. Auch wenn Filme Stereotypen darstellen, so ist dies vielschichtiger als in der Werbung. Aber es gibt nat\u00fcrlich auch schlechte Filme.<\/p>\n<p>In Literatur kann ich mich entweder hineinversetzen, oder auch unterschiedliche Lesarten w\u00e4hlen. Ich kann eine Erz\u00e4hlung entweder als Verzweiflungsakt lesen oder auch als Akt des Handlungsspielraums. Das hei\u00dft, Dinge durch Interpretation freilegen. Es gibt eine Kurzgeschichte von <a href=\"http:\/\/margaretatwood.ca\/\">Margaret Atwood<\/a> mit dem Titel <a href=\"ttps:\/\/books.google.at\/books?id=jl75DAAAQBAJ&amp;pg=PT234&amp;lpg=PT234&amp;dq=Fackelt+die+Alten+ab+Atwood&amp;source=bl&amp;ots=SyGd_9lvrF&amp;sig=ACfU3U061YHWXiAaCEb02dAhMWCKUreaVw&amp;hl=de&amp;sa=X&amp;ved=2ahUKEwjewbT5_vLjAhXJcJoKHbIhDKcQ6AEwEnoECAkQAQ#v=onepage&amp;q=Fackelt die Alten ab Atwood&amp;f=false\"><em>Fackelt die Alten ab<\/em> <\/a>(Anm.: erschienen in: Die steinerne Matratze. Neun Erz\u00e4hlungen (2016)); und das passiert in der Geschichte tats\u00e4chlich. Junge Menschen sagen <em>Weg mit euch, ihr seid zu teuer<\/em>! Das ist nat\u00fcrlich eine Satire auf eine Gruppe, die marginalisiert wird.<\/p>\n<h4>Sie haben festgestellt, dass im angels\u00e4chsischen Raum das Bild \u00e4lterer Menschen in Literatur, Film und Kunst eine bedeutende Rolle spielt. Wie k\u00f6nnen wir uns das vorstellen?<\/h4>\n<p>Insgesamt sind unsere Kulturen nicht so verschieden. Hollywood-Filme sind auch bei uns popul\u00e4r. Aber im angels\u00e4chsischen Raum haben \u00e4ltere Menschen seit den 1980er-Jahren mehr Sichtbarkeit bekommen. Sie haben einen Namen und sind eigenst\u00e4ndige Charaktere. Dabei f\u00e4llt auf, dass der Demenz-Film boomt \u2013 nach Krebs und Aids. Es ist eine neue gesellschaftliche Angst, dass die Merkf\u00e4higkeit nachlassen k\u00f6nnte, dass die Speicherplatte kaputt wird. In den beruflichen Anforderungen der Gegenwart dominiert die Rationalit\u00e4t. Man muss sich nichts mehr merken, kann alles jederzeit nachlesen. Daraus entsteht die Angst, die Kontrolle zu verlieren. Demenz wird oft dargestellt, um die Angst vor dem Alter auszudr\u00fccken. Nur alt reicht nicht, die Figur muss auch dement sein. Der letzte Zeuge im Krimi ist dement.<\/p>\n<h4>Sie sagen, Bed\u00fcrfnisse von alternden Menschen sollen ganz individuell ber\u00fccksichtigt werden \u2013 was sind das f\u00fcr Bed\u00fcrfnisse?<\/h4>\n<p>Das sind Bed\u00fcrfnisse wie Geborgenheit, Anerkennung, Teilhabe, Zugeh\u00f6rigkeit, Wertsch\u00e4tzung, gebraucht zu werden, ein sinnvolles Leben zu f\u00fchren.<\/p>\n<h4>Wie k\u00f6nnten positive Geschichten mit alten Helden und Heldinnen lauten?<\/h4>\n<p>Eine positive Geschichte erz\u00e4hlt etwa der schwedische Autor Jonas Jonassen in seinem Roman <em>Der Hundertj\u00e4hrige, der aus dem Fenster stieg und verschwand<\/em> (Anm.: 2009). Darin rei\u00dft der Protagonist kurz vor seinem hundertsten Geburtstag aus dem Altersheim aus und erlebt eine skurrile Geschichte.<\/p>\n<p>Vorreiter war Arno Geiger mit seinem autobiographischen Roman <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Der_alte_K%C3%B6nig_in_seinem_Exil\"><em>Der alte K\u00f6nig in seinem Exil<\/em><\/a>, der an die King Lear-Thematik angelehnt ist. Darin entwickelt der demente Vater eine poetische Ausdrucksweise und wird so f\u00fcr seinen Sohn zug\u00e4nglich. Weil mein Vater nicht mehr zu mir kann, muss ich \u00fcber die Br\u00fccke zu ihm gehen, sagt der Sohn. Das ist eine untypische Darstellung.<\/p>\n<p>Im Prinzip sind alle Texte positiv, die sagen, wir m\u00fcssen anders umgehen mit Verletzlichkeit. Man erwartet sich die jungen Alten, die auf einer Yacht herumfahren. Das ist die dritte Lebensphase. Menschen in der vierten Lebensphase haben im Film keine Pr\u00e4senz mehr. Das ist nur mehr nacktes Leben, ohne Wertsch\u00e4tzung.<\/p>\n<h4>Was interessiert die Studierenden an der Lebenswelt der \u00e4lteren Menschen?<\/h4>\n<p>Sie sind fasziniert vom fremden Land des Alterns. Was sie interessiert, ist die Diskriminierungsfrage. Dabei geht es um diskriminierende Gesetze aber auch um das Gef\u00fchl nicht integriert zu sein. Es ist ihnen klar, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema notwendig ist und sie kommen drauf, dass sie alte Menschen bisher nicht mitgedacht haben. Ich habe sie einmal in Gruppen zur Frage diskutieren lassen, wann Sexualit\u00e4t aufh\u00f6rt. Dabei sind sie zum Schluss gekommen, dass das mit 45 Jahren ist &#8230; Eine andere Frage, die sie diskutieren sollten, war <em>Wie sind Achtzigj\u00e4hrige?<\/em> Dabei erkannten sie, dass es darauf keine klare Antwort gibt \u2013 dass Alter individuell erlebt wird. Aber auch, dass es kulturell eingeschrieben ist, was ein \u00e4lterer Mensch kann und was nicht.<\/p>\n<h4>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch.<\/h4>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Auch interessant:<\/strong><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/caring-communities-als-alternative-zu-pflegeeinrichtungen\/\">Caring Communities als Alternative zu Pflegeeinrichtungen<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/protein-alter-krank\/\">Ist ein Protein schuld, dass der Mensch altert und krank wird?<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Vorstellungen \u00fcber die M\u00f6glichkeiten im Alter sind kulturell eingeschrieben, sagt die Amerikanistin und Kulturwissenschafterin Ulla Kriebernegg. Sie moniert die vorwiegend negativen Altersbilder und fordert neue Narrative, die ein gutes Altern f\u00fcr die gesamte Gesellschaft erm\u00f6glichen. Assoz. Prof. Mag. Dr. phil. 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