{"id":178812,"date":"2019-07-30T14:00:26","date_gmt":"2019-07-30T12:00:26","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=178812"},"modified":"2019-07-30T14:00:26","modified_gmt":"2019-07-30T12:00:26","slug":"tu-berlin-nachwachsende-dritte-zaehne-koennten-bald-realitaet-werden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/tu-berlin-nachwachsende-dritte-zaehne-koennten-bald-realitaet-werden\/","title":{"rendered":"Nachwachsende Dritte Z\u00e4hne k\u00f6nnten bald Realit\u00e4t werden"},"content":{"rendered":"<p>Wer wei\u00df: Vielleicht k\u00f6nnen wir zuk\u00fcnftig auf Implantate verzichten? Denn Forschende der <a href=\"https:\/\/www.tu-berlin.de\/menue\/home\/\">TU Berlin<\/a> arbeiten gerade an nachwachsenden Dritten Z\u00e4hnen. Das Team rund um Dr. Roland Lauster, Professor f\u00fcr medizinische Biotechnologie, hat in allen in-vitro-Tests erfolgreich nachgewiesen, dass Z\u00e4hne aus k\u00f6rpereigenem Material nachwachsen k\u00f6nnen. Manchmal geschieht dies &#8211; nicht nur bei Haien und Krokodilen &#8211; sogar auch von ganz allein:<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Zwar gibt es vereinzelt Berichte dar\u00fcber, dass auch Menschen zum dritten Mal Z\u00e4hne oder auch ganze Zahns\u00e4tze nachwachsen, aber warum das bei manchen Menschen passiert und bei anderen nicht, ist noch weitgehend unbekannt\u201c&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, beschreibt Dr. Roland Lauster, Professor f\u00fcr medizinische Biotechnologie an der TU Berlin das Ph\u00e4nomen. Nach den in-vitro-Erfolgen der letzten Jahre soll das Forschungsprojekt der Berliner Wissenschaftler nun in die pr\u00e4klinische Phase gehen.<\/p>\n<p>Denn eins ist klar: Wenn ein Zahn verloren geht, sollte er nicht nur aus optischen Gr\u00fcnden ersetzt werden. Eine Zahnl\u00fccke kann eine Reihe von gesundheitlichen Problemen hervorrufen \u2013 von der fehlenden Kaufunktion bis hin zur Craniomandibul\u00e4ren Dysfunktion (CMD), also Verspannungen im Kopf- und Nackenbereich.<\/p>\n<h3>Wachstumsinfos vorhanden<\/h3>\n<blockquote>\n<figure id=\"attachment_178819\" aria-describedby=\"caption-attachment-178819\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-178819\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/07\/JennyRosowski_TU_PR_Tobias_Rosenberg-600x400.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-178819\" class=\"wp-caption-text\">Dr. Jennifer Rosowski \u00a9TU Berlin\/PR\/Tobias Rosenberg<\/figcaption><\/figure>\n<p>\u201eGrunds\u00e4tzlich geht die Wissenschaft davon aus, dass auch der menschliche Kiefer lebenslang \u00fcber die Informationen verf\u00fcgt, die f\u00fcr das Wachstum neuer Z\u00e4hne notwendig sind\u201c&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, so Dr. Jennifer Rosowski, wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Roland Lauster, die dem Thema der nachwachsenden Z\u00e4hne ihre Doktorarbeit gewidmet hat. Die Frage ist, wodurch dieser Prozess getriggert wird.<\/p>\n<p>Dazu muss man wissen, dass Haare, Z\u00e4hne oder auch N\u00e4gel als Folge der sogenannten \u201emesenchymalen Kondensation\u201c entstehen. Im Falle des Zahnwachstums sammeln sich bestimmte Vorl\u00e4uferzellen im Kiefer unterhalb der \u00e4u\u00dferen Hautschicht. Diese Zellen kondensieren und bilden eine Art Zahnkeim. Als Folge dieser Kondensation beginnen sie \u00fcber spezifische Botenstoffe mit den umliegenden Zellschichten im Kiefer zu interagieren.<\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Innerhalb der so gebildeten Zahnknospe kommt es zur Differenzierung verschiedener Zelltypen: dem Zahnschmelz-Organ, der Zahnpapille und der Zahnleiste. Diese Gewebe differenzieren nach und nach zu einem kompletten Zahn\u201c&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, beschreibt Dr. Rosowski. Die Information, welcher Zahn gebildet werden soll \u2013 Schneidezahn oder Backenzahn \u2013, kommt dabei aus dem umliegenden Kiefergewebe.<\/p>\n<p><iframe loading=\"lazy\" title=\"Nachwachsende Z\u00e4hne\" width=\"1290\" height=\"726\" src=\"https:\/\/www.youtube.com\/embed\/w-xeCgKei7M?feature=oembed\" frameborder=\"0\" allow=\"accelerometer; autoplay; clipboard-write; encrypted-media; gyroscope; picture-in-picture; web-share\" referrerpolicy=\"strict-origin-when-cross-origin\" allowfullscreen><\/iframe><\/p>\n<h3>Kultivierung von Pulpa-Zellen<\/h3>\n<p>Die Forschenden der TU Berlin m\u00f6chten nun die nat\u00fcrlichen dritten Z\u00e4hne aus dem Inneren eines extrahierten Zahnes gewinnen. Das hei\u00dft, ihr Plan ist, sogenannte dentale Pulpa-Zellen, so zu kultivieren und bearbeiten, dass sich daraus ein aktiver Zahnkeim bildet. Und wenn dieser Zahnkeim nun einem Patienten eingepflanzt wird, so die Idee, beginnt er mit dem umliegenden Gewebe zu kommunizieren. Dabei soll er dann eine ganze Reihe an Botenstoffen aussenden, die die Zahnbildung initiiert. Wir fragten nach:<\/p>\n<p><em>Frau Dr. Roskowski: Wie lange dauert dieser Prozess?<\/em><\/p>\n<blockquote><p>&#8220;Nach der Entnahme der Zellen werden diese 3-4 Wochen im Labor vermehrt bis die ben\u00f6tigte Zellmenge erreicht ist, anschlie\u00dfend 24 Stunden dreidimensional kultiviert und dann implantiert. Der eingesetzte Zahnkeim ist sehr klein (ca. 0,5 cm im Durchmesser) und kann minimal-invasiv eingesetzt werden. Wir sch\u00e4tzen, dass das Wachstum in etwa genauso lange dauert wie beim ersten Zahn, also etwa zehn bis zw\u00f6lf Monate\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Rosowski.<\/p><\/blockquote>\n<p><em>K\u00f6nnte eventuell auch etwas anderes aus dieser Zelle wachsen? Das hei\u00dft: Besteht nicht sogar noch die Gefahr des Wucherns? <\/em><\/p>\n<p>Dr. Rosowski: \u201eDie Information \u00fcber die Art des Zahns, der Position und der Gr\u00f6\u00dfe wird \u00fcber Gradienten von Signalmolek\u00fclen reguliert, die sich im Kiefergewebe befinden. Wir gehen davon aus, dass der Zahnkeim, eingepflanzt in die Zahnl\u00fccke, daher an die Mikroumgebung adaptiert und den korrekten Zahn bildet. Die Zahnpulpa-Zellen des Patienten sind aus den Vorl\u00e4uferzellen der Zahnentwicklung hervorgegangen und es ist bekannt, dass alle Zellen ein sogenanntes zellul\u00e4res Ged\u00e4chtnis haben&#8230;.<\/p>\n<blockquote><p>&#8230;Es ist daher unwahrscheinlich, dass die Pulpazellen einen anderen Zelltypen hervorbringen. Solange die Zellen keiner schwerwiegenden Manipulation unterzogen werden &#8211; zum Beispiel. gentechnische Ver\u00e4nderung &#8211; ist auch keine Wucherung zu erwarten, da auch die Regulation der Zellzahl und Zellgr\u00f6\u00dfe durch das umliegende Gewebe \u00fcber Botenstoffe vorgenommen wird.&#8221;<\/p><\/blockquote>\n<p>Das beruhigt schon mal.<\/p>\n<h3>Patienteneigenes Material statt Stammzellen<\/h3>\n<p>\u00dcbrigens wird schon seit l\u00e4ngerem an nachwachsenden Z\u00e4hnen geforscht. Und so erbrachten andere Arbeitsgruppen im Tiermodell bereits den Beweis: Ein in den Kiefer implantierter Zahnkeim kann tats\u00e4chlich wieder zu einem kompletten Zahn auswachsen.<\/p>\n<p>Das Team um Roland Lauster sieht jedoch in der eigenen Methode einen entscheidenden Wettbewerbsvorteil: Alle konkurrierenden Forschungsgruppen verwenden embryonale Stammzellen, um Zahnkeime herzustellen.<\/p>\n<p>\u201eDamit ist die reale Anwendung des Verfahrens eigentlich ausgeschlossen, da die Verwendung von Stammzellen in den meisten L\u00e4ndern ethisch hoch umstritten und gesetzlich nicht zugelassen ist\u201c, erl\u00e4utert Jennifer Rosowski.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir w\u00fcrden dagegen ausschlie\u00dflich Zellmaterial aus patienteneigenen Z\u00e4hnen nutzen. So vermeiden wir alle ethischen und rechtlichen Bedenken und haben dazu den entscheidenden Vorteil, dass es sich im Falle einer realen Anwendung um k\u00f6rpereigenes Gewebe handelt: Der neue Zahn w\u00fcrde also keine Absto\u00dfungsreaktion hervorrufen.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Die f\u00fcr die Forschung ben\u00f6tigten Z\u00e4hne stellte die Oralchirurgie der Charit\u00e9 Universit\u00e4tsmedizin Berlin in Form von herausoperierten Weisheitsz\u00e4hnen zur Verf\u00fcgung. Um die darin enthaltenen adulten Zellen dazu zu bringen, wieder in eine Art Embryonalzustand zu de-differenzieren und anschlie\u00dfend zu einem Zahnkeim zu aggregieren, haben die Berliner Wissenschaftler eine spezielle Kultivierungsmethode entwickelt. Dazu werden die dentalen Pulpazellen vereinzelt, gereinigt und anschlie\u00dfend in Mikro-Titerplatten kultiviert, deren Oberfl\u00e4che mit einem Hydrogel beschichtet wurde. Das Hydrogel verhindert, dass sich die Zellen an der Wand der Titerplatten anheften. Sie schwimmen frei in dem Medium, sind aber eigentlich von Natur aus so programmiert, dass sie eine dreidimensionale Struktur anstreben. Als Folge kondensieren sie selbstst\u00e4ndig, ohne \u00e4u\u00dferen Druck, zu einer Art Zell-Ball. Dieser Prozess dauert 24 Stunden und der entstehende Zell-Ball ist rund 200 bis 500 Mikrometer gro\u00df.<\/p>\n<h3>Patentiertes Verfahren<\/h3>\n<blockquote><p>\u201eAls einzige Gruppe weltweit konnten wir nachweisen, dass diese eigenst\u00e4ndige mesenchymale Kondensation zu einem Zell-Ball die Expression verschiedener Gene triggert und die Produktion von spezifischen Botenstoffen in Gang setzt. Diese Botenstoffe werden ben\u00f6tigt, um mit dem umliegenden Kiefergewebe zu interagieren\u201c&#8230;<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, erkl\u00e4rt Jennifer Rosowski das Verfahren, das inzwischen weltweit patentiert wurde. Um diese sogenannte Induktivit\u00e4t (Allgemeing\u00fcltigkeit) zu beweisen, haben die Wissenschaftler die Zahnkeime zusammen mit Zellen aus dem Zahnfleisch ko-kultiviert. Bei der embryonalen Zahnentwicklung interagieren diese beiden Zelltypen und l\u00f6sen so die Zahnbildung aus. Genau diese Interaktion konnte die Wissenschaftlerin nachweisen.<\/p>\n<p>Das Team strebt im Moment eine pr\u00e4klinische Pilotstudie zur Wirksamkeit an, die mit Vor- und Nachbereitungszeit auf ca. 24 Monate angelegt ist. Bisher wurde die Grundlagenforschung zu dem Thema \u2013 es war das Promotionsthema von Dr. Rosowski \u2013 aus den Haushaltsmitteln des Fachgebietes finanziert. Doch die Forschenden hoffen auf weitere Unterst\u00fctzung:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eF\u00fcr die Pilotstudie haben wir Geld beim BMBF beantragt, die Bewilligung steht jedoch noch aus \u2013 die Entscheidung wird ca. Sept. 2019 bekannt gegeben\u201c, beschreibt Dr. Rosowski die n\u00e4chsten Schritte, \u201ebei Erfolg der Studie sind mehrere Verwertungswege denkbar: Von der Gr\u00fcndung eines Start-Ups bis zur Kooperation mit Investoren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Doch zuvor muss in umfangreichen klinischen Studien zun\u00e4chst die Zulassung als medizinisches Produkt erfolgen. Wenn alles gut l\u00e4uft, kann eine Marktreife in 3-5 Jahren erwartet werden.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer wei\u00df: Vielleicht k\u00f6nnen wir zuk\u00fcnftig auf Implantate verzichten? Denn Forschende der TU Berlin arbeiten gerade an nachwachsenden Dritten Z\u00e4hnen. Das Team rund um Dr. Roland Lauster, Professor f\u00fcr medizinische Biotechnologie, hat in allen in-vitro-Tests erfolgreich nachgewiesen, dass Z\u00e4hne aus k\u00f6rpereigenem Material nachwachsen k\u00f6nnen. 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