{"id":177053,"date":"2019-07-10T08:00:02","date_gmt":"2019-07-10T06:00:02","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=177053"},"modified":"2019-07-10T08:00:02","modified_gmt":"2019-07-10T06:00:02","slug":"algen-als-wertvoller-nachwachsender-biorohstoff","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/algen-als-wertvoller-nachwachsender-biorohstoff\/","title":{"rendered":"Algen als wertvoller nachwachsender Biorohstoff"},"content":{"rendered":"<p>Das Meer ist die Heimat der erfolgreichsten Bakterien unseres Planeten. Die Relevanz von Meeresbakterien in globalen N\u00e4hrstoffkreisl\u00e4ufen ist gut dokumentiert. Allein die Chemie wurde bisher nicht verstanden. Jetzt entschl\u00fcsselte ein interdisziplin\u00e4res Forscherteam den Abbauweg der Algenbiomasse. Mit diesem Wissen k\u00f6nnten Algen bald zu einem wichtigen nachwachsenden Biorohstoff werden. Sogar die Herstellung von Bioplastik soll m\u00f6glich werden.<\/p>\n<p>Algen sind vielf\u00e4ltige pflanzliche Organismen. Durch ihre Photosynthese sind sie der wichtigste Sauerstofflieferant im Wasser und auf der Erdoberfl\u00e4che. Durch die zunehmende Vermehrung der <em>Algenbl\u00fcte<\/em> richten sie allerdings auch Sch\u00e4den an. Algenbl\u00fcte ist die Bezeichnung f\u00fcr das massenhafte Auftreten von Algen. Das Problem: Der Abbau von Algen erfordert Sauerstoff. Je mehr Algen abgebaut werden m\u00fcssen, desto mehr Sauerstoff wird verbraucht und das gef\u00e4hrdet das Leben aller sauerstoffabh\u00e4ngigen Lebewesen im Gew\u00e4sser.<\/p>\n<h3>Nach dem Vorbild der Natur<\/h3>\n<p>Die Wissenschaft sucht nach einer industriellen Verwendung f\u00fcr die \u00f6kosystemfeindlichen Algenteppiche, welche die Algenbl\u00fcte verursacht. Dazu sollen die gro\u00dfen Molek\u00fcle, die sie produzieren, in verwertbare Einzelteile zerlegt werden, erkl\u00e4rt <a href=\"https:\/\/www.ias.tuwien.ac.at\/staff\/christianstanetty\/\"><em>Christian Stanetty <\/em><\/a>vom<a href=\"https:\/\/www.ias.tuwien.ac.at\/home\/\"> <em>Institut f\u00fcr Angewandte Synthesechemie<\/em><\/a> der <em>TU Wien<\/em>. Vorbild f\u00fcr diesen komplizierten Vorgang ist die Natur \u2013 konkret der nat\u00fcrliche Stoffwechsel der Algen, der \u00fcber bestimmte Bakterien erfolgt.<\/p>\n<p><em>Stanetty<\/em> ist Teil des l\u00e4nder\u00fcbergreifenden Forschungsprojekts <a href=\"http:\/\/www.pompu-project.de\/background\/\"><em>POMPU<\/em><\/a> (Proteogenomics Of Marine Polysaccharide Utilization), in dem Forschende Algen als nachwachsende Biorohstoffquelle erschlie\u00dfen wollen. Was Sie von Ihrem Ziel trennte, das war das Verst\u00e4ndnis der Chemie von Algen. Algen bilden die Grundlage f\u00fcr das \u00d6kosystem im Meer. Sie speichern mehr Kohlenstoff als die gesamten Landpflanzen. Die Kohlehydrate der Algen werden von Bakterien abgebaut, dadurch werden sie zur wichtigen Energiequelle f\u00fcr die gesamte marine Nahrungskette. Soviel ist bekannt. Unbekannt war bisher, was bei diesem Abbau von Algenbiomasse chemisch genau passiert.<\/p>\n<h3>Biochemische Funktionen von Enzymen<\/h3>\n<p>Po\u00adly\u00adsac\u00adcha\u00adri\u00adde (Mehrfachzucker) aus ma\u00adri\u00adnen Al\u00adgen un\u00adter\u00adschei\u00adden sich che\u00admisch von de\u00adnen ter\u00adres\u00adtri\u00adscher Pflan\u00adzen. Wie Al\u00adgen\u00adpo\u00adly\u00adsac\u00adcha\u00adri\u00adde von ma\u00adri\u00adnen Bak\u00adte\u00adri\u00aden ab\u00adge\u00adbaut wer\u00adden, war bis\u00adher wei\u00adtest\u00adge\u00adhend un\u00adbe\u00adkannt. Den Forschenden im Projekt <em>POMPU<\/em> gelang es jetzt den kompletten Abbauweg von Ulvan, dem wichtigsten Polysaccharid der Alge zu analysieren und zu verstehen. In einem in dem Journal <em>Nature Chemical Biology<\/em> ver\u00f6ffentlichten Artikel beschrieben sie den Stoffwechselweg, der \u00fcber biochemische Funktionen von Enzymen f\u00fchrt. Insgesamt sind es sechs verschiedene Enzyme, die Polysaccharide in Monosaccharide zerlegen. Auf diese Weise verwandeln die Enzyme einen bisher ungenutzten Biorohstoff in eine erneuerbare und \u00f6kologisch nachhaltige Ressource.<\/p>\n<p>Einen Biorohstoff, der sich f\u00fcr Fermentationen einsetzen l\u00e4sst, f\u00fcr die Herstellung wertvoller Arten von Zucker und in Zukunft auch f\u00fcr spezielles Bioplastik. Ziel ist eine umweltschonende Kreislaufwirtschaft, in der nachwachsende Rohstoffe m\u00f6glichst vielf\u00e4ltig genutzt werden.<\/p>\n<h3>Unerwartete chemische Pfade<\/h3>\n<p>Die Forschenden analysierten, wie das Meeresbakterium <em>Formosa agariphila<\/em> das Polysaccharid <em>Ulvan<\/em> abbaut, das die Alge <em>Ulva<\/em> produziert. Ein Prozess, den <em>Stanetty<\/em> als kleines chemisches Kunstst\u00fcck bezeichnet: Unter Einsatz von zw\u00f6lf verschiedenen Enzymen wird das Ausgangsmolek\u00fcl Schritt f\u00fcr Schritt in immer kleinere Teile zerlegt. Aufgabe der <em>TU Wien<\/em> war es, mit Hilfe von Kernspinresonanz-Spektroskopie (NMR) und Massenspektrometrie zu kl\u00e4ren, wie diese Teile genau aussehen. Die Ergebnisse waren \u00fcberraschend. Manche der Zerlegungsprodukte sahen anders aus, als erwartet, erkl\u00e4rt <em>Stanetty<\/em>. Zitat: \u201eDas zeigte uns dann, dass die Bakterien beim Abbau des Polysaccharids andere chemische Pfade einschlagen als gedacht.<\/p>\n<h3>Toolbox f\u00fcr die Biorohstoffquelle<\/h3>\n<p>Das Verfahren zeigte den Forschenden,<\/p>\n<ul>\n<li>welche Enzyme die Bakterien in welchem Schritt nutzen;<\/li>\n<li>wie diese Mikroorganismen Zugang zu ihrer Nahrungsquelle erhalten;<\/li>\n<\/ul>\n<p>Gleichzeitig erm\u00f6glichte es die Entwicklung einer Toolbox mit einer Reihe von neuen Biokatalysatoren, mit denen das komplexe marine Polysaccharid gezielt als Rohstoffquelle f\u00fcr Fermentationen verwendet werden kann, erkl\u00e4rt Professor <a href=\"https:\/\/biochemie.uni-greifswald.de\/forschung\/forschung-in-den-arbeitskreisen\/ordner-aks-lehrstuehle\/biotechnology-enzyme-catalysis\/prof-dr-uwe-t-bornscheuer\/\"><em>Uwe Bornscheuer<\/em> <\/a>von der <em>Ernst-Moritz-Arndt-Universit\u00e4t,<\/em> <em>Greifswald<\/em>.<\/p>\n<h3>V\u00f6llig CO2-neutral<\/h3>\n<p>Professor <a href=\"https:\/\/www.ias.tuwien.ac.at\/markomihovilovic\/\"><em>Marko Mihovilovic<\/em><\/a> von der <em>TU Wien<\/em> betont, dass der Einsatz von Algen zur Synthese von Kohlenwasserstoffen v\u00f6llig CO2-neutral ist und sieht im erfolgreichen Projekt einen Schritt hin zu einer nachhaltigen Chemie, die eine echte, \u00f6kologisch sinnvolle Kreislaufwirtschaft erm\u00f6glicht.<\/p>\n<p>Die Synthese erm\u00f6glicht es, fossile Rohstoffe zu ersetzen, so seine Perspektive. Wenn es auch zun\u00e4chst eher einfache Produkte sein werden, wie etwa spezielle Arten von Zucker. Zitat: \u201cAber je besser wir die Chemie dahinter verstehen, desto besser wird es uns gelingen, diese Algen auch als Ausgangsstoffe komplizierter Synthesen zu nutzen, bis hin zu Bioplastik.\u201c<\/p>\n<h3>Interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit<\/h3>\n<p>Den Erfolg der komplexen Forschung f\u00fchrt der Wissenschafter auf die interdisziplin\u00e4re Zusammenarbeit von Mi\u00adkro\u00adbio\u00adlo\u00adgen, Bio\u00adtech\u00adno\u00adlo\u00adgen, Bio\u00adche\u00admi\u00adkern und Or\u00adga\u00adni\u00adschen Che\u00admi\u00adkern zur\u00fcck. Das Projekt wurde von Professor <a href=\"https:\/\/pharmazie.uni-greifswald.de\/institut\/abteilungen\/pharmazeutische-biotechnologie\/mitarbeiter\/\"><em>Thomas Schweder<\/em><\/a> von der <a href=\"https:\/\/www.uni-greifswald.de\/\"><em>Ernst-Moritz-Arndt-Universit\u00e4t<\/em><\/a>, Greifswald und Professor <a href=\"https:\/\/www.mpi-bremen.de\/Rudolf-Amann.html\"><em>Rudolf Amann <\/em><\/a>vom <a href=\"https:\/\/www.mpi-bremen.de\/Max-Planck-Institut-fuer-Marine-Mikrobiologie-in-Bremen.html\"><em>Max-Planck-Institut<\/em> <em>f\u00fcr Marine Mikrobiologie<\/em><\/a>, Bremen geleitet. Au\u00dferdem beteiligt waren die <a href=\"https:\/\/www.tuwien.at\/\"><em>TU Wien<\/em><\/a>, die <a href=\"https:\/\/www.uni-bremen.de\/\"><em>Universit\u00e4t Bremen<\/em><\/a>, das <a href=\"https:\/\/www.marum.de\/index.html\"><em>Zentrum f\u00fcr Marine Umweltwissenschaften Marum<\/em><\/a> und die <a href=\"http:\/\/www.sb-roscoff.fr\/\"><em>Biologische Station Roscoff <\/em><\/a>(Frankreich).<\/p>\n<p><strong>Publikation:<\/strong><\/p>\n<p>Reisky, L.\/Pr\u00e9choux, A.\/Z\u00fchlke, M.K.\/B\u00e4umgen, M.\/Robb, C.S.\/Gerlach, N.\/Roret, T.\/Stanetty, C.\/Larocque, R.\/Michel, G.\/Song, T.\/Markert, S.\/Unfried, M.\/Mihovilovic, M.D.\/Trautwein-Schult, A.\/Becher, D.\/Schweder, T.\/Bornscheuer U.T.\/Hehemann, J.H. (2019): <a href=\"https:\/\/www.nature.com\/articles\/s41589-019-0311-9\">A marine bacterial enzymatic cascade degrades the algal polysaccharide ulvan<\/a>. In: Nature Chemical Biology.<\/p>\n<h3><\/h3>\n<h3>Auch interessant:<\/h3>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/statt-chemie-biologischer-pflanzenschutz-fuer-meeresalgen\/\">Statt Chemie: Biologischer Pflanzenschutz f\u00fcr Meeresalgen<\/a><\/p>\n<p class=\"entry-title\"><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/die-empfindliche-blutalge-entzieht-sich-der-forschung\/\">Die empfindliche Blutalge ist noch weitgehend unerforscht<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Meer ist die Heimat der erfolgreichsten Bakterien unseres Planeten. Die Relevanz von Meeresbakterien in globalen N\u00e4hrstoffkreisl\u00e4ufen ist gut dokumentiert. Allein die Chemie wurde bisher nicht verstanden. Jetzt entschl\u00fcsselte ein interdisziplin\u00e4res Forscherteam den Abbauweg der Algenbiomasse. Mit diesem Wissen k\u00f6nnten Algen bald zu einem wichtigen nachwachsenden Biorohstoff werden. 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