{"id":168143,"date":"2019-03-23T11:09:53","date_gmt":"2019-03-23T10:09:53","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=168143"},"modified":"2019-03-23T11:09:53","modified_gmt":"2019-03-23T10:09:53","slug":"dropstone-imitat-18-jahre-in-der-arktischen-tiefe-kaum-besiedlung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/dropstone-imitat-18-jahre-in-der-arktischen-tiefe-kaum-besiedlung\/","title":{"rendered":"Dropstone-Imitat 18 Jahre in der arktischen Tiefe \u2013 kaum Besiedlung"},"content":{"rendered":"<p>Es ist ein faszinierender Anblick: Unterwasseraufnahmen, in denen Haarsterne und Seelilien Ihre Tentakel rhythmisch mit der Bewegung des Wassers hin- und herwiegen. Aus der arktischen Tiefe stammen solche Bilder und Filme von ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen, die am fast unerreichbaren Meeresgrund unterwegs sind.<\/p>\n<p>Die oben genannten, zu den Schwammarten geh\u00f6renden Meerestiere, sind wortw\u00f6rtlich mit ihrem Lebensraum verwachsen. Sie leben auf sogenannten Dropstones. Das sind Steine oder auch ganze Felsbl\u00f6cke, die an Land in einen Gletscher einfrieren und von Eisbergen ins Meer hinaus transportiert werden. Sobald das Eis schmilzt, sinken diese Steine auf den Meeresgrund. Dort bieten sie genau das harte Substrat, auf das viele der sesshaften Arten angewiesen sind. Ihre Nahrung fischen diese sich dann mit Filterapparaten oder Fangarmen aus dem Wasser.<\/p>\n<h3>Tiefseeobservatorium Hausgarten<\/h3>\n<p>Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des <a href=\"https:\/\/www.awi.de\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Alfred-Wegener-Institut, Helmholtz-Zentrum f\u00fcr Polar- und Meeresforschung (AWI)<\/a> erforschten nun, wie lange es dauert, bis sich die ersten Siedler in der Tiefsee der Arktis niederlassen. Auch wollten sie wissen, wie sich die Lebensgemeinschaft danach weiterentwickelt. \u201eDar\u00fcber wusste man bisher so gut wie gar nichts\u201c, erkl\u00e4rt Michael Klages vom AWI. Zwar gibt es einige Studien, die solche Fragen in der Antarktis untersuchten. Doch hatten sich diese auf flache Meeresbereiche konzentriert. Hier herrschen andere Lebensbedingungen.<\/p>\n<p>Aber nun gibt es neue Erkenntnisse aus dem Tiefsee-Observatorium namens Hausgarten. Es liegt in der Framstra\u00dfe zwischen Spitzbergen und Gr\u00f6nland. Das AWI f\u00fchrt hier verschiedene \u00f6kologische Langzeituntersuchungen durch.<\/p>\n<p>So stellten Michael Klages und seine Kolleginnen und Kollegen aus der Tiefseeforschungsgruppe des AWI im Juli 1999 einen schweren Metallrahmen mit sogenannten Besiedlungsplatten aus Klinkersteinen, Plexiglas und Holz auf den Meeresboden. In einer Wassertiefe von 2500 Metern sollte dieser den sesshaften Tiefseebewohnern Halt bieten. Und dann hie\u00df es f\u00fcr die Forschenden abwarten, was passiert.<\/p>\n<p>Zun\u00e4chst statteten sie dem Dropstone-Imitat in den Jahren 2003 und 2011 per ferngesteuerter Unterwasserfahrzeuge einige Besuche ab. Ende August 2017 holten sie das Gestell schlie\u00dflich wieder an die Oberfl\u00e4che. Die Erstautorin der aktuellen wissenschaftlichen Ver\u00f6ffentlichung, Kirstin Meyer-Kaiser, die mittlerweile im Meeresforschungsinstitut <a href=\"http:\/\/www.whoi.edu\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Woods Hole Oceanographic Institution<\/a> im US-Bundesstaat Massachusetts arbeitet, nahm die geborgenen Besiedlungsplatten anschlie\u00dfend \u201eunter die Lupe\u201c. Sie z\u00e4hlte die einzelnen Organismen, sammelte sie ab und ordnete sie taxonomisch ein, klassifizierte sie also.<\/p>\n<figure id=\"attachment_168146\" aria-describedby=\"caption-attachment-168146\" style=\"width: 600px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-168146\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/20170831_AWI_ROBEX_Polarstern_007_EHorvath-600x401.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"401\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-168146\" class=\"wp-caption-text\">Kirstin Meyer (l) und Melanie Bergmann sammeln Organismen von dem Stahlrahmen, der nach 18 Jahren am Grund der arktischen Tiefsee mit dem Forschungsschiff Polarstern wieder geborgen wurde \u00a9Esther Horvath<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Besiedlung vom Einzeller zum Mehrzeller in Zeitlupe<\/h3>\n<p>\u201eIn diesem Experiment haben wir gesehen, dass die Besiedlung solcher Habitate in der arktischen Tiefsee extrem langsam vor sich geht\u201c, res\u00fcmiert Michael Klages. Nach vier Jahren hatten sich auf den Platten nur Einzeller aus der Gruppe der Foraminiferen eingefunden. Nach zw\u00f6lf Jahren war mit dem Polypen Halisiphonia arctica nur ein einziges mehrzelliges Tier dazugekommen. Und selbst nach 18 Jahren beschr\u00e4nkte sich die Zahl der wirbellosen Mehrzeller auf gerade einmal 13 Arten.<\/p>\n<p>Aus dieser bescheidenen Ausbeute schlie\u00dfen die Forscher allerdings nicht, dass die nat\u00fcrlichen Hartsubstrate keine wichtigen Habitate w\u00e4ren \u2013 ganz im Gegenteil: \u201eOhne sie w\u00fcrde es etliche sesshafte Tiere in der arktischen Tiefsee gar nicht geben\u201c, betont Michael Klages. Der in den Meeren inzwischen allgegenw\u00e4rtige Zivilisationsm\u00fcll scheint dabei kein guter Ersatz zu sein. Zwar hat das AWI-Team auf den von ferngesteuerten Unterwasserfahrzeugen aufgenommenen Bildern durchaus schon eine Plastikflasche gesehen, auf der eine Seelilie wuchs. \u201eSo sind wir darauf gekommen, bei unserem Experiment auch Plexiglasplatten zu verwenden\u201c, erkl\u00e4rt der Forscher. \u201eWir wollten sehen, ob diese genauso gut besiedelt werden k\u00f6nnen wie ein naturnaher Untergrund.\u201c Das ist offenbar nicht der Fall. Jedenfalls hatten sich nach 18 Jahren auf dem Kunststoff deutlich weniger Tiere eingefunden als auf den Klinkersteinen.<\/p>\n<h3>Empfindliche \u00d6kosysteme<\/h3>\n<p>Auch letztere konnten allerdings bei weitem nicht mit einem benachbarten Felsenriff mithalten, wo sich immerhin 65 verschiedene Wirbellose nachweisen lie\u00dfen. M\u00f6glicherweise haben also selbst fast zwei Jahrzehnte nicht gen\u00fcgt, um auf den Platten die theoretisch m\u00f6gliche Artenvielfalt zu erreichen. Das erw\u00e4hnte Riff ist dagegen deutlich \u00e4lter und hatte entsprechend mehr Zeit, um eine gr\u00f6\u00dfere Palette von Bewohnern anzulocken.<\/p>\n<p>Die Ergebnisse liefern damit auch wichtige Erkenntnisse \u00fcber die Empfindlichkeit von Tiefsee-\u00d6kosystemen.<\/p>\n<blockquote><p>Wenn dort St\u00f6rungen die sesshaften Bewohner am Meeresgrund beseitigen, d\u00fcrfte es Jahrzehnte dauern, bis sich die Lebensgemeinschaft davon wieder erholt hat&#8230;\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>&#8230;, warnt Michael Klages. In der Arktis k\u00f6nnen solche St\u00f6rungen etwa durch Fischerei, Bohrungen nach \u00d6l und Gas auftreten. Deutlich weitreichendere Folgen aber sind zum Beispiel in der Tiefe des Pazifiks zu erwarten, wo k\u00fcnftig gro\u00dffl\u00e4chig Manganknollen abgebaut werden sollen.<\/p>\n<p>Die Arbeit der Wissenschaftler wurde k\u00fcrzlich in\u00a0<a href=\"https:\/\/aslopubs.onlinelibrary.wiley.com\/doi\/full\/10.1002\/lno.11160\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Limnology and Oceanography 2019<\/a> ver\u00f6ffentlicht.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><strong>Dieser Artikel k\u00f6nnte Sie auch interessieren:<\/strong><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/neumayer-station-zehn-jahre-deutsche-antarktisforschung\/\" target=\"_blank\" rel=\"noopener noreferrer\">Neumayer-Station III: 10 Jahre deutsche Antarktisforschung<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Es ist ein faszinierender Anblick: Unterwasseraufnahmen, in denen Haarsterne und Seelilien Ihre Tentakel rhythmisch mit der Bewegung des Wassers hin- und herwiegen. 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