{"id":167513,"date":"2019-03-15T14:15:30","date_gmt":"2019-03-15T13:15:30","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=167513"},"modified":"2019-03-15T14:15:30","modified_gmt":"2019-03-15T13:15:30","slug":"sprache-einfluss-ernaehrung-entwicklung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/sprache-einfluss-ernaehrung-entwicklung\/","title":{"rendered":"Der Einfluss der Ern\u00e4hrung auf die Entwicklung der Sprache"},"content":{"rendered":"<p>Die Sprachen der Welt und ihre Laute sind so vielf\u00e4ltig wie die Menschen, die sie sprechen. H\u00e4ufige Konsonanten wie \u201em\u201c und Vokale wie \u201ea\u201c kommen ebenso vor, wie die seltenen Schnalzlaute einiger Sprachen im s\u00fcdlichen Afrika. Wie aber haben sich diese Laute und Sprachen entwickelt und woher kommen Laute wie \u201ef&#8221; und \u201ew&#8221;? Ein Team von Forschern der <a href=\"https:\/\/www.uzh.ch\/de.html\">Universit\u00e4t Z\u00fcrich<\/a>, von zwei <a href=\"https:\/\/www.mpg.de\/de\">Max-Planck-Instituten<\/a>, der <a href=\"https:\/\/www.universite-lyon.fr\/version-anglaise\/\">Universit\u00e4t Lyon<\/a> und der <a href=\"https:\/\/www.ntu.edu.sg\/Pages\/home.aspx\">Nanyang Technological University<\/a> in Singapur haben nun herausgefunden, dass sich einige Leute erst viel sp\u00e4ter entwickelt haben als bisher angenommen.<\/p>\n<p>Bisher ging man davon aus, dass sich das Lautspektrum mit der Entstehung des Homo Sapiens vor ungef\u00e4hr 300.000 Jahren stabilisiert hat. Die Ergebnisse der j\u00fcngsten Studie zeigen jedoch, dass sich Laute wie \u201ef&#8221; und \u201ev&#8221;, die in zahlreichen Sprachen vorkommen, erst vor relativ kurzer Zeit verbreitet haben. Schuld daran war eine neue Zahnstellung, die sich wiederum aufgrund ver\u00e4nderter Ern\u00e4hrungsgewohnheiten entwickelt hat.<\/p>\n<p>\u201ePal\u00e4oanthropologische Belege deuten darauf hin, dass der Produktionsapparat seit dem Neolithikum eine grundlegende Ver\u00e4nderung dieser Art durchlaufen hat\u201c, schreiben die Wissenschaftler in ihrem in der Fachzeitschrift <em>Science<\/em> erschienen Artikel. \u201eObwohl der Mensch in der Regel mit vertikaler und horizontaler \u00dcberlappung in seiner Bissanordnung (\u00dcberbiss bzw. \u00dcberstrahler) beginnt, f\u00fchrte die Kauanstrengung im Pal\u00e4olithikum nach der Adoleszenz zu einem von Rand zu Rand Biss.\u201c<\/p>\n<figure id=\"attachment_167508\" aria-describedby=\"caption-attachment-167508\" style=\"width: 500px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"wp-image-167508\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/03\/skull-3033008_1920-592x600.png\" alt=\"Sprache\" width=\"500\" height=\"507\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-167508\" class=\"wp-caption-text\">Der leichte \u00dcberbiss entstand erst durch die Verbreitung weicher Nahrung \u00a9 Pixabay<\/figcaption><\/figure>\n<h3>Weiche Nahrung vs. harte Nahrung<\/h3>\n<p>Fr\u00fche Menschen aus der Zeit der J\u00e4ger und Sammler, die ausschlie\u00dflich harte Nahrung zur Verf\u00fcgung hatten, entwickelten als Erwachsene also einen sogenannten Kopfbiss, bei dem die Schneidez\u00e4hne des Ober- und Unterkiefers senkrecht aufeinander sto\u00dfen. Heutzutage haben die Menschen dagegen eine Gebissform durch, bei der die oberen Schneidez\u00e4hne leicht \u00fcber die unteren hinausragen. Diese entwickelte sich im Laufe der Zeit durch die Zunahme weicher Nahrung.<\/p>\n<p>Durch diese neue Gebissform entstanden auch neue Laute, die heute in rund der H\u00e4lfte aller Sprachen der Welt vorkommen. Bei den sogenannten Labiodentalen \u2013 z.B. bei der Aussprache von \u201ef&#8221; \u2013 ber\u00fchren die oberen Schneidez\u00e4hne die Unterlippe. Mit einem Kopfbiss sind Laute wie \u201ef\u201c und \u201ev\u201c dagegen sehr schwierig zu bilden.<\/p>\n<p>\u201eIn Europa finden wir in den letzten zwei Jahrtausenden einen drastischen Anstieg an Labiodentalen, die auf die zunehmende Verbreitung verarbeiteter, weicherer Nahrung zur\u00fcckgeht und durch die Einf\u00fchrung industrieller Mahlverfahren zus\u00e4tzlich vorangetrieben wurde&#8221;, erkl\u00e4rt Steven Moran, einer der beiden Co-Erstautoren. \u201eDer Einfluss unserer biologischen Voraussetzungen auf die Lautentwicklung wurde bisher also untersch\u00e4tzt.&#8221;<\/p>\n<p>Biomechanische Modelle der Sprachapparatur w\u00fcrden zeigen, dass Labiodentale Laute in der \u00dcberbiss und \u00dcberstrahlungskonfiguration etwa 30% weniger Muskelanstrengungen h\u00e4tten als in der Edge-to-Edge-Biss-Konfiguration, betonen die Forscher. Bei bilabialen Lauten wie \u201em,&#8221; \u201ep&#8221; oder der englischen Aussprache des \u201ew\u201c, bei denen die Oberlippe anstelle der Z\u00e4hne die Unterlippe ber\u00fchrt, gebe es diesen Unterschied nicht.<\/p>\n<h3>\u00dcberpr\u00fcfung einer Hypothese<\/h3>\n<p>Die Forscher wurden durch den Linguisten Charles Hockett inspiriert, der bereits vor mehr als 30 Jahren feststellte, dass es in der Sprache von Bev\u00f6lkerungsgruppen mit Zugang zu weicherer Nahrung geh\u00e4uft Labiodentale gibt. \u201eDoch es gibt Dutzende fadenscheinige Korrelationen im Bereich der Sprache&#8221;, kommentiert Co-Erstautor Dami\u00e1n Blasi vom Max-Planck-Institut f\u00fcr Menschheitsgeschichte und der Universit\u00e4t Z\u00fcrich. \u201eDirekte Zeugnisse sprachlichen Verhaltens \u2013 etwa der Aussprache \u2013 fehlen uns aber.&#8221;<\/p>\n<p>Um Hocketts Hypothese aus dem Jahr 1985 zu zu verifizieren oder zu widerlegen, nahmen die Wissenschaftler Erkenntnisse, Daten und Methoden aus verschiedenen Disziplinen wie der biologischen Anthropologie, der Phonetik und der historischen Linguistik zu Hilfe. \u201eEs war letztlich ein seltener Fall von \u00fcbereinstimmenden Befunden&#8221;, so Blasi. Das ganze Projekt sei nur m\u00f6glich gewesen, weil heute gro\u00dfe Datenbanken, detaillierte biomechanische Simulationen und computerintensive Analysemethoden zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<p>\u201eUnsere Resultate geben einen Einblick in die urs\u00e4chlichen Zusammenh\u00e4nge zwischen kulturellem Verhalten, menschlicher Biologie und Sprache&#8221;, res\u00fcmiert Projektleiter und UZH-Professor Balthasar Bickel. \u201eUnd sie lassen Zweifel daran aufkommen, dass sich Sprache heute immer noch gleich anh\u00f6rt wie in grauer Vorzeit.&#8221;<\/p>\n<p>Vielleicht k\u00f6nnen Forscher dank neuer Erkenntnisse und Methoden nun auch endlich eine gro\u00dfe Frage aus dem Lateinunterricht l\u00f6sen: Wie sprach C\u00e4sar seinen ber\u00fchmten Spruch \u201eveni, vidi, vici\u201c wirklich aus?<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Sprachen der Welt und ihre Laute sind so vielf\u00e4ltig wie die Menschen, die sie sprechen. 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