{"id":164095,"date":"2019-01-23T13:54:27","date_gmt":"2019-01-23T12:54:27","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=164095"},"modified":"2019-01-23T13:54:27","modified_gmt":"2019-01-23T12:54:27","slug":"gehirnerschuetterung-gefaehrlich-kopferschuetterung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/gehirnerschuetterung-gefaehrlich-kopferschuetterung\/","title":{"rendered":"So gef\u00e4hrlich k\u00f6nnen schon leichte Kopfersch\u00fctterungen sein"},"content":{"rendered":"<p>\u00dcbelkeit, Brechreiz oder tats\u00e4chliches Erbrechen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, Schwindel und Gleichgewichtsst\u00f6rungen bis hin zur Bewusstlosigkeit sind erste Anzeichen f\u00fcr eine Gehirnersch\u00fctterung. Viele Menschen, die schon mal darunter gelitten haben, wissen, dass damit nicht zu spa\u00dfen ist.<\/p>\n<p>Studien haben au\u00dferdem ergeben, dass das mehrmalige Auftreten einer Commotio cerebri das Risiko f\u00fcr Sp\u00e4tfolgen wie Ged\u00e4chtnisst\u00f6rungen, Epilepsie, Depressionen, Parkinson und sogar Demenz erheblich erh\u00f6hen. Es muss aber nicht immer gleich eine schwere Gehirnersch\u00fctterung oder Schl\u00e4ge gegen den Kopf wie beim Boxen sein, die schwerwiegende Folgen haben k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>Prof. Dr. med. Inga Koerte von der medizinischen Fakult\u00e4t der <a href=\"https:\/\/www.uni-muenchen.de\/index.html\">Ludwig-Maximilians-Universit\u00e4t M\u00fcnchen<\/a> warnt aber, dass schon kleine Ersch\u00fctterungen des Kopfes langfristige Folgen haben k\u00f6nnen. Die Medizinerin untersucht mit modernsten bildgebenden Verfahren, was bei Kopfersch\u00fctterungen, wie sie auch beim Kopfballspiel vorkommen, im Gehirn passiert.<\/p>\n<p>\u201eBei einer Gehirnersch\u00fctterung ger\u00e4t das Gehirn, das im kn\u00f6chernen Sch\u00e4del in einer Fl\u00fcssigkeit schwimmt, in Bewegung. Dabei wird es gedehnt und komprimiert. Dadurch kann es zu kleinsten Verletzungen des Gehirngewebes kommen. Denn das Gehirn ist viel weicher, als man sich das vielleicht vorstellt. Es hat eine gallertartige Konsistenz, \u00e4hnlich wie Wackelpudding\u201c, erkl\u00e4rt Koerte im Interview mit dem LMU-Forschungsmagazin <a href=\"https:\/\/www.uni-muenchen.de\/forschung\/news\/2019\/koerte.html\"><em>Einsichten<\/em><\/a>. \u201eDie Gehirnersch\u00fctterung ist eine klinische Diagnose, die auf Basis der Symptome gef\u00e4llt wird, von denen der Patient berichtet, wie Erbrechen, Kopfschmerzen, Schwindel.\u201c<\/p>\n<p>In der Regel w\u00fcrden diese Symptome wieder vollst\u00e4ndig verschwinden und das Gehirn w\u00fcrde sich komplett erholen. Es gebe aber auch Ausnahmen. \u201eBei bis zu 30 Prozent der Betroffenen aber nicht, man nennt sie daher die \u201amiserable minority\u2018. Sie k\u00f6nnen \u00fcber Monate oder Jahre Symptome wie Kopfschmerzen, Konzentrations- und Schlafst\u00f6rungen, depressive Verstimmungen haben.\u201c<img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignright wp-image-164103 size-medium\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/brain-1728449_1920-600x198.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"198\" \/><\/p>\n<p>Die kleinsten Verletzungen, die eine Kopfersch\u00fctterung im Gehirn ausl\u00f6st, seien unter anderem, dass die Verbindungen der Nervenzellen so sehr gedehnt w\u00fcrden, dass sie nicht mehr richtig funktionieren, sagt Koerte. Das sei aber nicht alles. \u201eAuch die Aktivit\u00e4t der Nervenzellen, der Neurone, ist gest\u00f6rt, manche gehen gar kaputt. Dazu kommen feinste Blutungen im Gehirngewebe. Durch die Ersch\u00fctterung werden die Gef\u00e4\u00dfe gedehnt, dabei treten rote Blutk\u00f6rperchen aus und lagern sich im Gewebe ab.\u201c<\/p>\n<h4>Die \u201emiserable minority\u201c<\/h4>\n<p>In einer Studie mit der Magnetresonanztomographie (MRT) haben die Wissenschaftler 2015 festgestellt, dass diese Mikroblutungen in den ersten 72 Stunden nach einer Gehirnersch\u00fctterung zu- und im Laufe der n\u00e4chsten zwei Monate wieder abnehmen. Das Gehirn sei also in der Lage, diese roten Blutk\u00f6rperchen zu entsorgen. Bei der \u201amiserable minority\u2018 erholt sich das Gehirn jedoch nicht vollst\u00e4ndig. Wieso das so ist, k\u00f6nnen die Mediziner nicht sagen.<\/p>\n<p>\u201eWir wissen noch nicht, was Patienten, denen es sp\u00e4ter schlecht geht, von jenen unterscheidet, die sich komplett erholen\u201c, gibt Dr. Koerte zu. \u201eSch\u00e4del-Hirn-Traumata werden seit Jahrzehnten anhand des Zustands des Patienten direkt nach Trauma in leicht, mittel und schwer eingeteilt.\u201c Diese Einteilung sei klinisch wichtig, weil man so akut entscheiden k\u00f6nne, ob etwa der Neurochirurg dazugerufen werden m\u00fcsse. Nur aber anhand der akuten klinischen Symptome lie\u00dfe sich aber nicht sicher voraussagen, ob jemand chronische Symptome entwickeln w\u00fcrde.<\/p>\n<p>Die Mediziner diese alte Kategorisierung daher aufbrechen und den Blick auf den einzelnen Patienten zu lenken, denn: \u201eDas Gehirn ist der Sitz des Individuellen \u2013 warum sollte man so tun, als w\u00e4ren alle gleich?\u201c, betont Koerte. \u201eWir analysieren etwa, ob und wie die Neurosteroide, im Gehirn wirksame Hormone, die unter anderem eine neuroprotektive Funktion haben, nach Gehirnersch\u00fctterung bei Einzelnen ansteigen und wie sich Stoffwechsel und Mikrostruktur \u00fcber die Zeit ver\u00e4ndern. Wir wollen vorhersagen k\u00f6nnen, welcher Patient sich unter welchen Voraussetzungen v\u00f6llig erholen wird und wer von einer gezielten Therapie profitiert.\u201c<\/p>\n<p>Anders als Erwachsene, die oft mehrere Woche brauchen, um sich zu erholen, sind Kinder meist viel schneller wieder auf den Beinen. \u201eDas kindliche Gehirn ist erstaunlich, es entwickelt sich st\u00e4ndig weiter\u201c, wei\u00df Koerte und warnt, dass Kinder aber vermutlich anf\u00e4lliger gegen\u00fcber den Langzeitfolgen von Gehirnersch\u00fctterungen seien. \u201eDas ist vor allem in einem Alter der Fall, in dem sich der Hormonstatus stark ver\u00e4ndert \u2013 bei Jungen zum Beispiel in der Pr\u00e4pubert\u00e4t zwischen zehn und 13.\u201c<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-medium wp-image-164092\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/action-aktion-aktiv-264312-600x400.jpg\" alt=\"\" width=\"600\" height=\"400\" \/>Ein gutes Modell, um die Folgen von wiederholten leichten Kopfersch\u00fctterungen zu untersuchen, sei, neben Kontaktsportarten, daher Fu\u00dfball, betont Koerte, die aktuell eine Europ\u00e4ische Studie mit jugendlichen Fu\u00dfballspielern betreut. \u201eSie haben keine Gehirnersch\u00fctterung, sind aber durchs Kopfballspielen exponiert gegen\u00fcber Kopfersch\u00fctterungen. Erste Auswertungen zeigen einen Zusammenhang zwischen der Ver\u00e4nderung des Gehirns und der L\u00e4nge und Intensit\u00e4t der Exposition gegen\u00fcber wiederholter Kopfersch\u00fctterung. Basierend auf unseren Studien zu American-Football-Spielern in den Vereinigten Staaten sieht es \u00fcbrigens so aus, als ob weniger die einmalige Gehirnersch\u00fctterung das Problem ist, als vielmehr die wiederholten leichtgradigen Ersch\u00fctterungen des Kopfes \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum hinweg.\u201c<\/p>\n<h4>Gef\u00e4hrlicher Fu\u00dfball<\/h4>\n<p>Wie gef\u00e4hrlich ist also der Deutschen liebster Sport f\u00fcr die Nachwuchskicker? Sollte man Kinder bis zu einem bestimmten Alter vielleicht sogar verbieten, Kopfb\u00e4lle zu spielen? In den USA sind Kopfb\u00e4lle f\u00fcr Kinder unter zehn Jahren verboten, nachdem eine eine Initiative besorgter Eltern die Fu\u00dfballorganisation verklagt hatte, um genau das zu erreichen. Laut Dr. Koerte gibt es aus wissenschaftlicher Sicht allerdings keinen Anhaltspunkt daf\u00fcr, gerade dieses Alter zu nehmen.<\/p>\n<p>\u201eEs ist eine willk\u00fcrlich gew\u00e4hlte Grenze\u201c, sagt sie. \u201eWas ich besonders schwierig finde, ist, dass sie impliziert, dass es ab elf Jahren v\u00f6llig in Ordnung w\u00e4re, Kopfb\u00e4lle zu spielen. Alles, was wir aus den Studien mit Jugendlichen zwischen zehn und achtzehn wissen, best\u00e4tigt, dass die Pubert\u00e4t eine besonders empfindsame Phase der Gehirnentwicklung ist.\u201c Sport zu verbieten sei aber keine L\u00f6sung, im Gegenteil. \u201eSport ist gesund und hilft der Gehirnentwicklung. In einer Mannschaft zu spielen, f\u00f6rdert auch soziale Kompetenzen\u201c, betont Koerte. \u201eWas wir aber aufgrund der Studien der letzten Jahre erahnen, ist, dass Kopfballspielen m\u00f6glicherweise nicht gesund ist.\u201c<\/p>\n<p>Im Rahmen einer Studie im Jahr 2017 wurde eine Gruppe junger Fu\u00dfballspieler untersucht und mit Gruppen von Tischtennisspielern und Schwimmern verglichen. Keiner der Jugendlichen hatte je eine Gehirnersch\u00fctterung. Alle Probanden mussten zwei Tests machen: einen einfachen Reaktionstest und einen etwas komplexeren, der h\u00f6here kognitive Leistungen erfasste. \u201eUntersucht wurde immer vor und nach dem Training\u201c, beschreibt Koerte. \u201eNach dem Training schnitten alle Jugendlichen jedes Mal besser ab. Ausdauersport ist also gesund f\u00fcrs Gehirn. \u00dcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum wurden die Tischtennisspieler und die Schwimmer in beiden Tests auch immer besser \u2013 was man von einem 15-J\u00e4hrigen auch erwarten w\u00fcrde, der ja lernt und sich weiterentwickelt. Die Fu\u00dfballer dagegen konnten ihre Testergebnisse \u00fcber die Zeit nicht ma\u00dfgeblich verbessern. Vielleicht ist das ein Hinweis darauf, dass sie ihr kognitives Potenzial nicht vollst\u00e4ndig aussch\u00f6pfen k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p>Das Gehirn sei \u201eein erstaunliches Organ, das mit sehr vielem zurechtkommt\u201c, findet Dr. Koerte. \u201eAber man muss davon ausgehen, dass es einen kumulativen Effekt von Kopfersch\u00fctterungen gibt, und das gilt wahrscheinlich vor allem f\u00fcr das kindliche Gehirn.\u201c<\/p>\n<p>Prof. Dr. med. Inga Koerte ist Professorin f\u00fcr eurobiologische Forschung in der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Medizinischen Fakult\u00e4t der LMU und Leiterin der Arbeitsgruppe cBRAIN. Zugleich ist sie Lecturer an der Harvard Medical School in Boston, USA.<\/p>\n<p><em>Bilder: Pixabay<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00dcbelkeit, Brechreiz oder tats\u00e4chliches Erbrechen, Benommenheit, Kopfschmerzen, Ged\u00e4chtnisl\u00fccken, Schwindel und Gleichgewichtsst\u00f6rungen bis hin zur Bewusstlosigkeit sind erste Anzeichen f\u00fcr eine Gehirnersch\u00fctterung. Viele Menschen, die schon mal darunter gelitten haben, wissen, dass damit nicht zu spa\u00dfen ist. Studien haben au\u00dferdem ergeben, dass das mehrmalige Auftreten einer Commotio cerebri das Risiko f\u00fcr Sp\u00e4tfolgen wie Ged\u00e4chtnisst\u00f6rungen, Epilepsie, Depressionen, 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