{"id":163703,"date":"2019-01-17T10:32:17","date_gmt":"2019-01-17T09:32:17","guid":{"rendered":"https:\/\/innovationorigins.com\/?p=163703"},"modified":"2019-01-17T10:32:17","modified_gmt":"2019-01-17T09:32:17","slug":"schneiderei-fuer-massgefertigte-technologien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ioplus.nl\/archive\/de\/schneiderei-fuer-massgefertigte-technologien\/","title":{"rendered":"Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgefertigte Technologien"},"content":{"rendered":"<p>Von personalisierten Wearables k\u00f6nnen Endverbraucher nur tr\u00e4umen. Die K\u00fcnstlerinnen von Kobakabant wollten das \u00e4ndern &#8211; zumindest tempor\u00e4r. Sie er\u00f6ffneten Koba, eine Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgefertigte Technologien und boten ihre Leistung zu erschwinglichen Preisen an.<\/p>\n<p>Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi lernten sich 2006 an der <a href=\"https:\/\/www.ufg.at\/\">Kunstuniversit\u00e4t Linz<\/a> kennen und arbeiten seither gemeinsam an k\u00fcnstlerischen Projekten. &#8220;Wir waren nie am n\u00e4chsten gro\u00dfen Ding interessiert, sondern an mehr Diversit\u00e4t&#8221;, erkl\u00e4rt Satomi. Die Tatsache, dass E-Textilien vor der Industrialisierung stehen, veranlasste sie 2011 zur Verfassung des Papiers <em>Future Master Craftsmanship: Where We Want Electronic Textile Crafts\u00a0 To Go<\/em>, das im selben Jahr zum <em>Internationalen Symposium Elektronische Kunst<\/em> in Istanbul 2011 ver\u00f6ffentlicht wurde. Inspiriert von ihren Ideen in dem Papier, fertigten sie 2012 <em>Crying Dress<\/em> \u2013 eine Art Trauerkleid. Es war mit Stromkreisl\u00e4ufen verziert und weinte gemeinsam mit seinem Tr\u00e4ger. <a href=\"https:\/\/www.youtube.com\/playlist?list=PLD1B93F31E4B0F393&amp;feature=view_all\">Crying Dress<\/a> war ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr eine handwerklich orientierte technologische Zukunft, welche die vorherrschende Entqualifizierung und Ausbeutung im Elektronik- und Textilsektor abl\u00f6st.<\/p>\n<h3><strong>Kobakabant<\/strong><\/h3>\n<p>Im selben Jahr gr\u00fcndeten Satomi und Perner-Wilson das K\u00fcnstlerkollektiv <em>Kobakabant<\/em> in Berlin. Perner-Wilson:<\/p>\n<blockquote><p>\u201eWir wollten nie einfach nur Produkte designen und produzieren. F\u00fcr uns waren E-Textilien und Wearable Technologien immer ein k\u00fcnstlerisches Medium, ein narratives Tool, um soziale und technologische Probleme zu kommentieren.\u201c<\/p><\/blockquote>\n<p>Den Grundstein zu ihrer Arbeit legte die Datenbank <em>How to get what you want<\/em>. Die Datenbank dient der Dokumentation aller Wearable Technologien und Stromkreise, welche die beiden seit 2007 entwickelt haben. Im Open Source-Modus sollen die Designs inspirieren und zum do-it-yourself animieren. In der Zwischenzeit ist <em>die Datenbank<\/em> nur mehr eines von mehreren Projekten auf der Website von Kobakabant. Aber <em>How to get what you want<\/em> sollte zum Leitmotiv ihrer Arbeit werden.<\/p>\n<figure id=\"attachment_163707\" aria-describedby=\"caption-attachment-163707\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-163707\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Hannah-Perner-Wilson-und-Mika-Satomi-vom-Label-Kobakabant-in-der-Schneiderei-fu\u0308r-ma\u00dfgefertigte-Technologien-c-Plusea.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"534\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-163707\" class=\"wp-caption-text\">Hannah Perner-Wilson und Mika Satomi in ihrer Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgefertigte Technologien. (c) Plusea<\/figcaption><\/figure>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<h3><strong>Wear Sustain<\/strong><\/h3>\n<p>Ihre Projekte bauen aufeinander auf. Allen gemeinsam ist die Idee, Wearable Technologien allen zug\u00e4nglich zu machen. Zuletzt nutzten sie die F\u00f6rderung <a href=\"https:\/\/wearsustain.eu\/\"><em>Wear Sustain<\/em><\/a> im Rahmen des EU <em>Horizon 2020-Programm<\/em>s, diese Vision umzusetzen. Ohne monet\u00e4re F\u00f6rderung w\u00e4re das Projekt nicht m\u00f6glich gewesen. Satomi: \u201eWenn zwei Menschen zwei Wochen lang an einem St\u00fcck arbeiten, m\u00fcsste das 4000 Euro kosten. Tats\u00e4chlich zahlten sie dreihundert bis 1000 Euro. Das sind kleine teure Kleidungsst\u00fccke. Aber zuvor konnten sie nicht mal daran denken, diese zu kaufen. Jetzt konnten sie.\u201c<\/p>\n<p>Ziel des F\u00f6rderprogramms war die Unterst\u00fctzung von kritischen, ethischen, nachhaltigen und \u00e4sthetischen Technologien. Vorgesehen war eine \u00fcber sechs Monate laufende F\u00f6rderung, die im Februar 2018 endete.<\/p>\n<h3><strong>Langlebigkeit<\/strong><\/h3>\n<p>Der nachhaltige Ansatz von Kobakabant ist Langlebigkeit. Ausgehend davon, dass ein Nutzer, der in den Kreationsprozess eingebunden ist, das nach seinen Bed\u00fcrfnissen gefertigte Produkt l\u00e4nger nutzen wird. Dar\u00fcberhinaus verf\u00fcgen die Produkte auch \u00fcber relevante Eigenschaften. Unter anderem sind diese robust, dauerhaft, zeitlos, einfach zu warten, reparierbar und hackbar. Wie Satomi erkl\u00e4rt, kann der Nutzer das Produkt zur Reparatur bringen oder mit Reparaturanleitung selbst reparieren.<\/p>\n<p>Durch ihren k\u00fcnstlerischen Zugang zu E-Textilien und Wearable Technologien setzten Satomi und Perner-Wilson ihrer Fantasie nie Grenzen. Die Teilnahme an <em>Wear Sustain<\/em> nutzten sie, um ihre Vision zur\u00fcck in die Wirklichkeit zu holen &#8211; und zu erforschen, was sich Endverbraucher von Technologie wirklich erwarten.<\/p>\n<p>Perner-Wilson: Wir wollten keine bestimmte Gruppe erreichen, sondern alle. Die Frage war, wie wir sie erreichen und wie wir sie zum Denken bringen.\u201c<\/p>\n<h3><strong>Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgeschneiderte Technologien<\/strong><\/h3>\n<p>Schlie\u00dflich einigten sie sich auf eine <em>Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgeschneiderte Technologien<\/em>, welche sie <em>Koba<\/em> nannten. Sie mieteten ein Lokal in Berlin Kreuzberg, um Laufkunden anzuziehen &#8211; wie der Laden um die Ecke.<\/p>\n<p>Die <em>Koba<\/em> <em>Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgeschneiderte Technologien<\/em> war eine Art Showroom, in dem eine Reihe von Prototypen zu sehen waren, welche die konzeptionellen, technischen und \u00e4sthetischen M\u00f6glichkeiten zeigten. Zus\u00e4tzlich war es ein Ort, an dem man sich austauschen konnte. Am Anfang wurden Experten-Talks zu Themen wie Industriedesign, Nachhaltigkeit, Datenschutz etc. durchgef\u00fchrt. Sp\u00e4ter ging man zu Workshops \u00fcber.<\/p>\n<p>Perner-Wilson: \u201eWir fanden heraus, dass es l\u00e4ngere Gespr\u00e4che braucht, um in den Designmodus zu kommen. Laufkunden haben diese Zeit oft nicht.&#8221;<\/p>\n<figure id=\"attachment_163708\" aria-describedby=\"caption-attachment-163708\" style=\"width: 800px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-full wp-image-163708\" src=\"https:\/\/archive.ioplus.nl\/wp-content\/uploads\/2019\/01\/Mika-Satomi-und-Hannah-Perner-Wilson-in-ihrer-Schneiderei-fu\u0308r-ma\u00dfgefertigte-Technologien-c-Plusea.jpg\" alt=\"\" width=\"800\" height=\"534\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-163708\" class=\"wp-caption-text\">Lokalisiert in einem Laden, zog die Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgefertigte Technologien Laufkunden an. (c) Plusea<\/figcaption><\/figure>\n<h3><strong>Dokumentation<\/strong><\/h3>\n<p>Trotzdem bekamen sie von Anfang an Auftr\u00e4ge und das Projekt entwickelte sich rasch zur Vollbesch\u00e4ftigung. Nachdem das F\u00f6rderprogramm ausgelaufen war, entschieden sie, die <em>Schneiderei f\u00fcr ma\u00dfgeschneiderte Technologien<\/em> um weitere elf Monate zu verl\u00e4ngern. Ende Januar 2019 l\u00e4uft das Projekt aus und die entstandenen Produkte werden <a href=\"https:\/\/www.kobakant.at\/KOBA\/closing-exhibition\/\">ausgestellt<\/a>. Die Geschichten ihrer Kunden, die Arbeit an den Prototypen und ihre Produktionserfahrungen wurden dokumentiert und ver\u00f6ffentlicht. Die Dokumentation einzelner <a href=\"https:\/\/www.kobakant.at\/KOBA\/category\/commissions\/\">Auftr\u00e4ge<\/a> ist schon jetzt auf der Website zu finden.<\/p>\n<p>Ein wesentlicher Befund des Projekts, ist, dass die Kunden nicht f\u00fcr absurde Dinge zu begeistern waren, sondern n\u00fctzliche Dinge wollten. Perner-Wilson: \u201eMan will nicht Zeit und Geld in Dinge investieren, die nicht n\u00fctzlich sind.\u201c<\/p>\n<h3><strong>N\u00fctzliche Dinge<\/strong><\/h3>\n<p>Etwa die H\u00e4lfte der Kunden waren K\u00fcnstler und w\u00fcnschten sich elektronisch erweiterte Teile, die auf der B\u00fchne zu nutzen sind. Darunter war eine Darstellerin, die ein geh\u00e4keltes Cape beauftragte. Dieses sollte die Bewegungen einfangen, welche das Publikum andernfalls m\u00f6glicherweise nicht sehen w\u00fcrde. Das Cape f\u00fchlt ihre Bewegungen \u00fcber die integrierten Sensoren und gibt Feedback. Sie entscheidet, wie sie die Daten nutzt \u2013 ob bestimmte Impulse das Tonvolumen regulieren oder einen Ton ausl\u00f6sen &#8230; Ein Musiker beauftragte einen goldenen Jumpsuit mit LED-Stromkreislauf f\u00fcr seine neue <a href=\"https:\/\/www.kobakant.at\/KOBA\/discolele\/\"><em>Discolele Performance<\/em><\/a>.<\/p>\n<p>Einem Kunden fehlte das letzte Glied an einem Finger und er wollte <a href=\"https:\/\/www.kobakant.at\/KOBA\/extra-digit-sensor\/\">Fingersensoren<\/a> mit einer Schnittstelle, damit die Prothese der Bewegung des zentralen Fingergelenks folge. Der Sensor war via Band mit einem Microcontroller am Handgelenk verbunden. Ver\u00e4rgert, weil die Prothesen patentiert sind und der Markt von wenigen Firmen kontrolliert wird, wollte er seine Entwicklung anderen Betroffenen kommunizieren.<\/p>\n<h3><strong>\u00dcber Mika Satomi und Hannah Perner-Wilson:<\/strong><\/h3>\n<p>Mika Satomi hat einen Bachelor in Graphik-Design an der <em>Zokei Universit\u00e4t<\/em> in Tokyo und einen Master in <em>Media Creation<\/em> vom japanischen Institut <em>IAMAS<\/em>. 2009 forschte sie am <em>Distance Lab<\/em> in Schottland an Methoden, textiles Handwerk und Technologie zu verbinden. Dem folgten zwei Jahre Forschungsarbeit im <em>Smart Textile Design Lab<\/em> am <em>Textileh\u00f6gskolan<\/em> in Bor\u00e5s (Schweden). Von 2014 bis 2016 war sie Gastprofessorin am <em>eLab<\/em> in der <em>Wei\u00dfensee Kunsthochschule Berlin<\/em>.<\/p>\n<p>Hannah Perner-Wilson hat einen Bachelor in <em>Industrial Design<\/em> von der Universit\u00e4t f\u00fcr Kunst und Industriedesign Linz und einen Master <em>in Media Arts<\/em> <em>and Sciences<\/em> vom <em>MIT Media Lab <\/em>an der Universit\u00e4t <em>Massachusetts Institute of Technology<\/em>, wo sie Studentin in der <em>High-Low Tech<\/em> Forschungsgruppe war. 2009 war sie im Forschungsteam des <em>Distance Lab<\/em> in Schottland.<\/p>\n<h3><strong>Auch interessant:<\/strong><\/h3>\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/elektronische-textilien-zur-messung-menschlichen-sozialverhaltens\/\">Elektronische Textilien zur Messung menschlichen Sozialverhaltens<\/a><\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/innovationorigins.com\/de\/alarmgesicherter-rucksack-schutzt-vor-verlust-und-diebstahl\/\">Alarmgesicherter Rucksack sch\u00fctzt vor Verlust und Diebstahl<\/a><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Von personalisierten Wearables k\u00f6nnen Endverbraucher nur tr\u00e4umen. 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